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Kraft und Geld für bessere Mobilität

Infrastrukturen, die bis zur Obergrenze ausgelastet sind, ein hoher Nachholbedarf bei der Sanierung, kaum Ingenieur-Kapazitäten für die Planung – in diesem Dilemma bewegt sich die aktuelle Diskussion um mehr und bessere Mobilität. Zwei Diskussionsrunden auf dem Mobilitätsgipfel zeigten die schwierige Ausgangssituation.

„In den großen Städten sind wir voll”, und es bedürfe eines „politischen Kraftaktes”, um Infrastrukturen auszubauen und zusätzliches Rollmaterial zu beschaffen für neue, steigende Anforderungen an den öffentlichen Verkehr. Das war das Resümee von VDV-Präsident Ingo Wortmann, der Chef der Münchner Verkehrsgesellschaft ist. Doch es gehe nicht nur um Ausbau von U-Bahn- und Tramlinien sowie weiteren Busspuren in den Großstädten. Wichtig sei auch der Abbau des milliardenschweren Sanierungsstaus, der erhebliche Re-Investitionen in alte Anlagen immer dringender erforderlich mache. Für einen guten ÖPNV auch außerhalb der Ballungsräume skizzierte Wortmann drei Schritte: Bahnlinien stärken oder reaktivieren, vertaktete Bussysteme in Regionen ohne geeignete Schienenanbindung und Angebotslücken füllen mit modernen Plattformkonzepten, etwa mit Sharing-Modellen oder autonomen Fahrtangeboten. Allerdings sei das auf der Straße kaum vor 2050 zu erwarten, bei Schienensystemen sicherlich eher.

Verkehrsträgerübergreifend denken
„Mobilität ist mehr als nur Verkehr, Mobilität ist ein Strukturproblem, und wir müssen aufhören, das Problem an einem einzigen Verkehrsmittel fest zu machen”, empfahl Katrin Schneider, Ministerin für Infrastruktur und Landesplanung des Landes Brandenburg. Man müsse bei der Stadtplanung und bei der Siedlungspolitik anfangen. „Wir wachsen entlang der Schienenstränge”. Erfolgreich sei das Plus-Bus-Konzept, das in den ländlichen Regionen ein Netz von 14 Buslinien im Takt, ausgerichtet auf den Schienennahverkehr, geschaffen habe. Es gebe Fahrgastzuwächse von 40 Prozent. Busverkehre anpassen, „damit wir auch im letzten Winkel ankommen”, ist für den rheinland-pfälzischen Verkehrsminister Volker Wissing „eine Herkules-Aufgabe”. Damit die Busse „nicht leer durch die Gegend fahren”, sollten digitale Systeme eingesetzt werden. Mit digitaler Leit- und Sicherungstechnik lassen sich auch auf Schienen die Kapazitäten um bis zu 30 Prozent erhöhen – ohne Streckenausbau. Damit ließen sich Fahrzeuge besser nutzen und Taktfrequenzen erhöhen. Darauf wies Hendrik Schulte, Staatssekretär im Verkehrsministerium von Nordrhein-Westfalen hin.

Der Ausbau der Netze wird vielfach durch Engpässe in der Planung und das nach Ansicht der Experten viel zu komplexe Planungsrecht belastet. Es gebe keinen Planungsvorlauf mehr, beklagte Ministerin Schneider. Vielfach seien Ingenieurkapazitäten abgebaut worden, auch bei DB Netz und im Eisenbahn-Bundesamt seien die Ressourcen knapp. Peter Hübner, Präsident des Hauptverbandes der Bauindustrie, empfahl seine Branche: Sie könne im Wege des „partnerschaftlichen Bauens” durchaus auch Planungsaufgaben übernehmen. VDV-Präsident Wortmann warnte allerdings vor übertriebenen Hoffnungen: Man brauche ja erst einmal Ingenieure im eigenen Haus, um die Ausschreibungen vorzubereiten.

Nicht nur der ÖPNV biete Chancen für klimafreundliche Mobilität. Darauf wiesen der Bremer Senator Lohse und Städtetags-Präsident Markus Lewe, Oberbürgermeister der Fahrradstadt Münster hin. „Infrastrukturen schaffen, wo es Spaß macht, Fahrrad zu fahren”, sagte Lewe. und Lohse wies darauf hin, dass Bremen nach Kopenhagen und Amsterdam die Stadt mit den meisten Radfahrern ist.

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