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„Wir wollen keinen Zwei-Klassen-ÖPNV“

Ein verlässliches Grundangebot steht bei den Verkehrsunternehmen im ländlichen Raum Mecklenburg-Vorpommerns an erster Stelle. Vor dem Hintergrund sinkender Einwohnerzahlen und rückläufiger Schülerverkehre müssen Konzepte gefunden werden, mit denen sich ein ausreichendes öffentliches Verkehrsangebot bereitstellen und finanzieren lässt. In einem Interview der Ostsee-Zeitung standen Simone Zabel, Geschäftsführerin der rebus Regionalbus Rostock GmbH, und Hubertus Wegener, Geschäftsführer der Verkehrsgesellschaft Vorpommern-Rügen mbH, zum Thema Rede und Antwort.

Während das Verkehrsgebiet von rebus den gesamten Landkreis Rostock in MV umfasst und hier 160 Busfahrer in 150 Fahrzeugen auf 83 Linien unterwegs sind, ist die Verkehrsgesellschaft Vorpommern-Rügen in den Bediengebieten Rügen, Insel Hiddensee, Hansestadt Stralsund, auf dem Fischland Zingst-Darß und in Nordvorpommern im öffentlichen Buslinienverkehr tätig.

Was unterscheidet den Öffentlichen Personen- und Nahverkehr in den Oberzentren des Landes von dem in den ländlichen Regionen?
Simone Zabel (Foto): Auf dem Land ist eine ganz andere Bevölkerungsdichte, es gibt andere Strukturen, eine andere Verteilung von Start und Zielpunkten. Der ÖPNV ist stark auf den Schülerverkehr und auf die ältere Bevölkerung ausgerichtet, die eine verlässliche Grundversorgung erwartet. Das bedeutet, dass man zweimal am Tag sehr starke Verkehrsströme in eine Richtung hat. Hier müssen wir ein vernünftiges Angebot schaffen.
Huberts Wegener (Foto): In den Städten sind Verkehrsachsen jahrzehntelang gewachsen und erschließen ein hohes Fahrgastpotential. Der ländliche Raum in MV ist sehr zersiedelt und es gibt hier nur wenige Hauptachsen. Wenn wir den Fahrgast im ländlichen Raum erreichen wollen, müssen wir auch kleine Ortsteile bedienen. Es ist eine Gradwanderung. Einerseits müssen Reisezeiten zumutbar sein, andererseits muss es für uns als Unternehmen auch wirtschaftlich bleiben.

Der ÖPNV in der ländlichen Region scheint besonders schwer planbar zu sein. Warum?
Zabel: Ja. Es sind viele Faktoren, die eine präzise Planung für uns zur echten Herausforderung machen. Abwanderungen aus dem ländlichen Raum, touristische Anziehungspunkte, neue Siedlungen oder Gewerbegebiete, neue Mittelzentren oder unsere Pendler, die aus dem Arbeitsprozess ausscheiden und nicht mehr das Auto nutzen. Auch wenn der letzte Bäcker im Ort schließt, bedeutet das, dass die Menschen zum Einkaufen ins nächste Ober- oder Mittelzentrum fahren müssen. Wenn nicht mit dem Auto, dann per ÖPNV. Umfassende Neuplanungen bedarf es auch wiederum, wenn beispielsweise Schulstandorte schließen bzw. auch die Schülerzahlen sinken oder sich erhöhen. Das wirkt sich auch auf die Fahrzeugplanung aus. Ein Bus kann eben nicht von heute auf Morgen getauscht werden.
Wegener: Auch dass es immer mehr Urlauber gibt, die spontan beispielsweise Kurzurlaub machen, hat erhebliche Auswirkungen auf die Planbarkeit des ÖPNV. Neue Angebote für unsere Gäste wie der fahrpreislose ÖPNV auf dem Mönchgut stellen unsere Planer vor große Herausforderungen. Ein weiterer, nicht zu unterschätzender, Faktor für die schwere Planbarkeit des ÖPNV im ländlichen Raum ist die freie Schulwahl. Dadurch ist uns bei Erstellung des Fahrplanes zum Schuljahresbeginn nicht bekannt, wie viele Schüler an welche Standorte gelangen müssen, ob sie dafür tatsächlich den ÖPNV nutzen oder von den Eltern mit dem Auto gefahren werden. Früher waren Schülerzahlen planbar.

Wie kann man den Problemen begegnen?
Zabel:
Man muss bezüglich der Entwicklung des künftigen Verkehrs und Verkehrsbedarfs mit den beteiligten Partnern reden. Wir sind mit dem Schulamt und den Schulen ins Gespräch gekommen. Wir sensibilisieren die Eltern über die Elternkonferenzen an den Schulen für den ÖPNV. Wir führen auch stetige Fahrgastzählungen durch, um besser planen zu können.
Wegener: Man muss generell enger mit den Gemeinden zusammenarbeiten. Wir brauchen rechtzeitig Informationen, die für den ÖPNV bedeutsam sind, wie z.B. das Entstehen neuer Wohn- bzw. Gewerbegebiete oder die Planung neuer touristischer Highlights, um darauf reagieren zu können. Wir nutzen die offiziellen Daten zur Bevölkerungsentwicklung, setzen bei der Planung aber auch ganz stark auf unsere Erfahrungswerte.

Die Sicherung eines verlässlichen Grundangebotes – ein täglicher Kraftakt...?
Wegener: Ja. In unserer Branche muss die Leistung auf den Punkt genau gebracht werden. Wer auf dem Lande in MV wohnt und nicht mobil ist, kann nicht auf Taxiunternehmen zurückgreifen, denn die gibt es hier kaum. Man ist also auf den ÖPNV angewiesen. Ein verlässlicher ÖPNV ist nur mit einem guten Team realisierbar. Vor der Leistung meiner Mitarbeiter ziehe ich den Hut! Gute Fachkräfte sind in unserer Branche außerdem sehr schwer zu finden. Wir tun vieles, um sie zu halten. Trotz großer saisonaler Nachfrageschwankungen gelingt es uns unser gesamtes Fahrpersonal mit Hilfe flexibler Arbeitszeitmodelle ganzjährig zu beschäftigen.
Zabel (stimmt zu): Die Familien stehen hinter unseren Busfahrern. Es gibt bei uns eine hohe Identifikation mit dem Unternehmen.

Ist die Sicherung des ÖPNV auf dem Lande allein zu bewältigen?
Wegener: Ohne Fördermittel geht es nicht. Neue Techniken wie E-Busse oder das Thema Digitalisierung hat beim ÖPNV in den Ballungszentren sicher einen ganz anderen Stellenwert als in dünnbesiedelten Räumen. Doch wir wollen in MV nicht abgehängt werden. Die Gäste aus den Ballungszentren erwarten auch hier den gewohnten Standard. Wir wollen keinen Zwei-Klassen-ÖPNV. Es ist eine Illusion, dass Verkehrsunternehmen, die im ländlichen Raum in MV tätig sind, die Einführung neuer Techniken ohne finanzielle Unterstützung durch das Land realisieren können.
Zabel: Die Neustrukturierung im Zuge der Kreisgebietsreform sehe ich als abgeschlossen. Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht. Man darf den ÖPNV nicht immer nur als Kostenfaktor ansehen, er gehört einfach zu einer Region dazu und ist für sie von erheblichem Nutzen. Wenn ich eine Grundversorgung habe, kann ich sogar die Landflucht stoppen. Ohne Förderung kann auf Dauer jedoch keine Sicherung stattfinden. Wir können beispielsweise eine Lohnerhöhung nicht 1:1 auf den Fahrgast umlegen. Unser Spielraum ist begrenzt. Wir können ohne Förderung auf finanzielle Herausforderungen nur mit größeren Taktzeiten reagieren oder Haltestellen ganz streichen. Dann fahren wir aber irgendwann nur noch Schüler von A nach B. Momentan sitzen wir beispielsweise mit dem mobil Ticketing in unserem Verkehrsverbund Warnow in den Startlöchern. Auch hier sind wir auf eine Unterstützung durch die Landesregierung angewiesen. 2018 soll es dann losgehen.

Autor: Kerstin Wesselow
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