Bus-Demo macht Medien aufmerksam auf Investitionsstau im ÖPNV

Bus-Demo macht Medien aufmerksam auf Investitionsstau im ÖPNV

Zu einem vielseitigen Medien-Echo führte der „Deutschland-Tag des Nahverkehrs“ mit der Bus-Demo vor dem Berliner Reichstag, an der 62 Linienbusse aus allen Teilen der Bundesrepublik teilnahmen. Zahlreiche Zeitungen nahmen die Aktion der 600 deutschen Verkehrsunternehmen und der Infrastrukturinitiative „Damit Deutschland vorne bleibt“ zum Anlass, den dramatischen Investitionsstau im Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) zu thematisieren.

„Empörte Landwirte, lärmgeplagte Flughafenanrainer oder engagierte Greenpeace-Aktivisten. Kaum ein Tag vergeht im Berliner Parlaments- und Regierungsviertel ohne lautstarke Proteste. Doch eine solche Aktion haben selbst altgediente Bundestagsabgeordnete noch nicht gesehen: 62 Busse aus ganz Deutschland rollten am Mittwoch im Schneckentempo über die Straße des 17. Juni und die Paul-Löbe-Allee bis direkt vor das Reichstagsgebäude“ – so stieg die „Berliner Morgenpost“ in ihre umfangreiche Berichterstattung ein. Sie berichtete in Wort und Bild von der Bus-Parade, die sich am frühen Morgen zwischen der Siegessäule und dem Brandenburger Tor aufgestellt hatte, und über die Resolution an die Adresse der Abgeordneten, die die Unternehmen Bundestagsvizepräsident Johannes Singhammer (CSU) übergaben.

Die „Offenbach-Post“ nahm die Demo in Berlin zum Anlass zu einer Recherche im eigenen Umfeld. So zitiert sie den Chef der SPD-Fraktion im Wiesbadener Landtag, Thorsten Schäfer-Gümbel. Er bringe „riesige Summen ins Spiel, um eine intakte Verkehrsinfrastruktur zu gewährleisten“. Zu Wort kommt auch der Geschäftsführer des Rhein-Main-Verkehrsverbundes, Knut Ringat: „Tausende Fahrgäste bekommen schon heute täglich die Grenzen der Infrastruktur zu spüren.“

Das Handelsblatt nahm ein Zitat von Jürgen Fenske, Präsident des Verbandes Deutscher Verkehrsunternehmen und Chef der Kölner Verkehrsbetriebe, in ihre „Worte des Tages“ auf: „Wir befördern jedes Jahr mehr Fahrgäste. Die öffentlichen Fördermittel dagegen sind seit Jahren rückläufig. Das kann nicht mehr lange gut gehen.“

„Busse auf Demo-Tour“ vermeldete die „taz“. Die „Mainzer Allgemeine Zeitung“ titelte „60 Busse in der Bannmeile“ und kommt dann schnell zur Sache: „Bisher haben die Verkehrsunternehmen fehlende Mittel durch Einsparungen und Fahrpreiserhöhungen zu kompensieren versucht. Die Sparbemühungen reichen jedoch nicht aus, um den Sanierungsstau von inzwischen rund vier Milliarden Euro zu beseitigen.“

Zu den Sorgenkindern gehören die Unternehmen im Ruhrgebiet. So überschreibt die „Westdeutsche Allgemeine Zeitung“ ihren Bericht mit: „Bogestra fehlen rund 175 Millionen Euro“. Zitiert wird ein Sprecher der Bochum-Gelsenkirchener Straßenbahn: „Das Kind darf nicht so tief in den Brunnen fallen, dass wir es nicht mehr heraus bekommen.“ Die „Rheinische Post“ in Duisburg interviewte den Vorstandschef der Duisburger Verkehrsgesellschaft (DVG), Marcus Wittig, der ebenfalls zur Bus-Demo in Berlin gefahren war. Er beschreibt den hohen Investitionsbedarf des Unternehmens, etwa für die Erneuerung Zugsicherungstechnik im Stadtbahnnetz, für neue Fahrzeuge, neue Funk- und Datentechnik, und die Modernisierung von Betriebsanlagen: „Dafür erwartet die DVG in den nächsten zehn bis 15 Jahren einen Investitions- und Erneuerungsbedarf von mehr als 200 Millionen Euro“, schreibt das Blatt.

Sorgen aber auch in Ostdeutschland. So zitiert die „Thüringer Allgemeine“ Myriam Berg, Vorstandschefin der Erfurter Verkehrsbetriebe AG (EVAG): „Damit wir den Ansprüchen unserer Fahrgäste auch in Zukunft gerecht werden können, ist ein kontinuierlicher Ausbau der Infrastruktur notwendig.“ In der „Mitteldeutschen Zeitung“ kommt Torsten Ceglarek von der Dessauer Verkehrsgesellschaft zu Wort: „Was kurz nach der Wende entstanden ist, hält heutigen Ansprüchen nur bedingt stand.“ Und in der „Märkischen Oderzeitung“ macht Lars Boehme klar, dass auch der Investitionsstau auf der Straße den ÖPNV beeinträchtigt, beschreibt das Blatt: „Der Geschäftsführer der Uckermärkischen Verkehrsgesellschaft erzählt, dass kaputte Straßen immer wieder Umwege und höhere Wartungskosten verursachen. Jährlich 500.000 Kilometer zusätzlich müssten die 120 Busse wegen Umleitungen fahren.“

„Landauf, landab ist das lange vernachlässigte Thema Infrastruktur in der politischen und öffentlichen Diskussion angekommen. Ein Erfolg, den sich auch die vom Verband Deutscher Verkehrsunternehmen angestoßene Initiative „Damit Deutschland vorne bleibt“ zugute schreiben kann.“ So bilanziert der Newsletter „ÖPNV aktuell“ die spektakuläre Aktion in Berlin.

Unter der Überschrift „Sparkurs in die Sackgasse“ berichtete „Die Welt“ am Deutschland-Tag des Nahverkehrs über den Infrastrukturgipfel am Vortag, den die Tageszeitung gemeinsam mit der Infrastruktur-Initiative „Damit Deutschland vorne bleibt“ ausgerichtet hatte. „Verkehrsexperten üben scharfe Kritik an der Politik des Bundes bei der Erhaltung und dem Ausbau von Straßen und Schienenwegen. Doch das Bundesfinanzministerium lässt sich nicht erweichen“, heißt es in der Berichterstattung. Zitiert werden prominente Teilnehmer des Gipfels, unter anderem der Verkehrsminister von Baden-Württemberg, Winfried Hermann (Grüne): „Alles schaut auf den Haushalt und merkt nicht, dass Vermögen bröckelt“. Oder Peter Bofinger, „Wirtschaftsweiser“ aus dem Sachverständigenrat der Bundesregierung: „Die Bundesregierung sollte nicht die schwäbische Hausfrau zum Vorbild nehmen, sondern die schwäbische Unternehmerin.“ Und Michael Groschek (SPD), Verkehrsminister in Nordrhein-Westfalen: „Die Lkw, nicht die Porsches oder Polos machen unsere Brücken kaputt.“

Zum Infrastrukturgipfel erschien das E-Book „Auf Verschleiß“. Reporter der WELT-Gruppe haben darin zusammengetragen, wie sehr Deutschland bei der Infrastruktur von der Substanz lebt, wie darüber in Wirtschaft und Politik diskutiert wird – und was getan werden müsste. Das E-Book ist für alle führenden Smartphones, Tablets und Computer erhältlich. Mehr Informationen finden sich unter welt.de/ebook.

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