Verkehrsexperten entwickeln Modell: Intelligente Maut statt Vignetten-Lösung

Verkehrsexperten entwickeln Modell: Intelligente Maut statt Vignetten-Lösung

Die Pläne von Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt für eine Pkw-Maut auf allen Straßen sind nicht alternativlos. Verkehrsexperten der Wiesbadener Beratungsfirma Transcare haben ein Mautmodell entwickelt, das mithilfe elektronischer Intelligenz Autofahrer via Satellit maßvoll und nur für jede tatsächliche Fahrt zur Kasse bittet – mit einem kräftigen Aufschlag aber dann, wenn er unbedingt auf hoch belasteten Straßen fahren will.

Um sein „Wiesbadener Modell“ zu erklären, greift Transcare-Geschäftsführer Ralf Jahncke gerne zu einem Vergleich: „Jeder hat das schon mal erlebt – man sitzt im Taxi und steht im Stau, und die Uhr läuft immer weiter.“ Ein ähnliches Erlebnis möchte er auch Autofahrern zumuten: Wer im Stop-and-Go eine ohnehin schon überlastete Straße mit seinem Auto noch enger macht, der soll dafür eine höhere Straßenbenutzungsgebühr zahlen. Anders als der meist hilflose Taxi-Fahrgast kann er aber sich selbst befreien: Großzügige Rabatte winken dem, der sich nicht in die Blechlawine etwa auf überfüllten Autobahnen oder Stadt-Einfahrten zur Rush-hour einklinkt, sondern statt dessen einen staufreien Umweg fährt. Oder zu einem Zeitpunkt auf seine Fahrt geht, zu dem das Verkehrsaufkommen nicht so hoch ist.

„Belastungsabhängig“ und „nutzungsabhängig“ – das sind die beiden zentralen Stichworte von Jahnckes Gebührenmodell. Und „sozialgerecht“: „Nutzer mit einem umweltfreundlichen Pkw und einer geringen Nutzung sollen begünstigt und Nutzer, die das Angebot vermehrt in Anspruch nehmen, müssen dementsprechend auch in erhöhtem Maße an den Kosten beteiligt werden“, sagt der in der Verkehrsbranche für überraschende Problemlösungen bekannte Transcare-Chef. Und wenn es sich auf der gefahrenen Strecke staut, kostet ihre Nutzung mehr. Technisch machbar soll das im Zeitalter der Satelliten-Navigation allemal sein, sowohl von den Datenmengen her als auch von der lückenlosen Verfügbarkeit etwa auch in Tunnelstrecken: „Heutige Permanent-Diagnosesysteme übertragen weit mehr BigData als nur Ort und Fließgeschwindigkeit der Autos. Und die Ortungssysteme sind auch längst in Tunnels installiert.“

Dabei soll das System auch berücksichtigen, ob mehrere Menschen im Auto sitzen und ob das Fahrzeug ökologisch ein Musterschüler, gar ein E-Mobil ist. Wie Minister Dobrindt möchte auch der Transcare-Vorschlag Straßenbenutzungsgebühr auf allen Straßen erheben, und wie der Verkehrsminister will er im Gegenzug die Autofahrer entlasten – bei der Kraftfahrzeugsteuer um 75 Prozent und bei der Mineralölsteuer um 6 Cent je Liter. Ergänzend sieht dieses Modell die Ausdehnung der Lkw-Maut auf leichtere Fahrzeuge und ebenfalls auf alle Straßen aus. Auch Fernbusse und Motorräder sollten zur Kasse gebeten werden.

Unter dem Strich kämen auf den durchschnittlichen Pkw-Fahrer zwar Mehrkosten von 50 Euro im Jahr zu, doch die könne er durch umweltbewusstes Verhalten selbst reduzieren, meint Jahncke. Etwa durch Nutzung kleinerer Autos, durch E-Mobilität, durch gelegentliches Umsteigen auf den Öffentlichen Verkehr und durch Meidung von teureren Stau-Strecken.

Wie im Taxi soll der Autofahrer jederzeit während der Fahrt über eine „Mobibox“ sehen können, was er gerade an Gebühren zahlen muss. Ein solches Gerät lässt sich nach Jahnckes Vorstellungen aus der für die Lkw-Maut entwickelten On-Board-Units entwickeln. Ein großer Kostenfaktor für den Autofahrer würde ein solches Gerät kaum: „Wir gehen davon aus, dass die Mobibox Bestandteil des Navigationssystems im Auto wird, also letztlich am Bordcomputer hängt.“ Zur Abrechnung ließe sich eine „Mobicard“ mit Smartcard-Möglichkeiten verwenden. Mehr noch: Wenn mehrere Autofahrer gemeinsam unterwegs sind, wird die Box mit allen ihren Mobicards gefüttert, und sie teilen sich die Straßennutzungsgebühr. Mit einem solchen System ließen sich zudem auch verkehrsträgerübergreifende Dienste anbieten – etwa das Angebot, vom nächsten Park&Ride-Platz mit Bus und Bahn am Stau vorbeizufahren.

Von seinem Wiesbadener Modell verspricht sich Jahncke, dass es – anders als reine Bezahlmodelle mit einer Vignette – zur Verkehrssteuerung und Verkehrslenkung führen kann: Es werden Anreize geschaffen, eben nicht in den Stau zu fahren. Zudem erwartet er, dass der Druck über den Preis zu einer gewissen Verstetigung des Verkehrs führt, weil eben nicht mehr alle Autofahrer gleichzeitig auf hoch belastete Abschnitte drängen oder auf Bus und Bahn umsteigen. Verstetigung und Verlagerung bedeuteten eine besser verteilte Nutzung der knappen Straßenkapazitäten. So könne auf das eine oder andere teure Neubau-Projekt verzichtet werden, das nur für Spitzenbedarf gebaut werden müsste.

Die Verkehrsexperten aus Wiesbaden legen in ihrer Studie detaillierte Berechnungen vor, die den Bundesfinanzminister wie den Bundesverkehrsminister gleichermaßen erfreuen sollten. Für den allgemeinen Haushalt bliebe mit 45 Milliarden Euro aus dem Verkehr dieselbe Summe erhalten wie derzeit, weil trotz Mindereinnahmen aus den Steuern weniger Geld in den Verkehrsetat überwiesen werden muss. Denn der Verkehrshaushalt käme dank direkter Zuflüsse aus der Maut auf jährlich 4,4 Milliarden Euro zusätzlich zu den heute verfügbaren etwa 10 Milliarden. Diesen warmen Geldsegen könnte der Staat nach Überzeugung von Transcare ohne große zusätzliche Investitionen empfangen, wenn er – wie bei der Erhebung der Lkw-Maut – auf die Dienstleistungen eines Betreibers zurückgreift: Für die Ausdehnung der Gebührenerfassung auf Pkw seien zwar Erweiterungsinvestitionen der Toll Collect-Technologie erforderlich. Die müsse aber der Betreiber zahlen, und er habe keine Not damit: Wegen der ungleich höheren Zahl an Pkw-Fahrten würde der Erhebungsaufwand relativ sogar sinken: Bei der Lkw-Maut betrage er derzeit 13,5 Prozent von jedem eingenommenen Maut-Euro. Das werde wegen der Skaleneffekte auf unter acht Prozent sinken, rechnet Transcare vor.

„Deutschland ist Vorreiter in der Energiepolitik und Weltmarktführer in der Logistik. Das können wir auch im Bereich der intelligenten Mobilität werden und damit den Wirtschaftsstandort Deutschland stärken“, meint Jahncke. „Hier ist auch ein Feld, im Bereich der IT-Technologie wieder Boden zurückzugewinnen.“