Bildnachweis © VDV | Michael Fahrig

VDV-Präsident Fenske: Elektromobilität – Ein Baustein für die Verkehrswende

Zufrieden registrieren die deutschen Verkehrsunternehmen, dass die Politik unter dem wachsenden Druck des Klimaschutzes Geld für den ÖPNV in die Hand nehmen will. VDV-Präsident Jürgen Fenske warnt aber im Interview davor, dass mit der Antriebswende „vom Diesel- zum Elektrobus“ die Verkehrswende noch nicht geschafft ist. Denn Verkehrswende heißt schlicht „mehr ÖPNV“, also der Umstieg vom Auto in Bus und Bahn.

INFRA Dialog: Herr Fenske, Dieselproblematik und Klimaschutz haben die Politik den ÖPNV wiederentdecken lassen. Zünden die Verkehrsunternehmen jetzt Freudenfeuer an?
Jürgen Fenske: Nein, aber die Zeiten haben sich geändert. So viel Rückenwind wie jetzt hat die Branche selten gespürt. Nicht nur aus der Politik: Das Stickoxid-Urteil des Bundesverwaltungsgerichts ist eine Wegmarke in der deutschen Verkehrspolitik. Und auch in der Öffentlichkeit spüren wir eine unglaubliche Aufmerksamkeit für den ÖPNV.

Wie geht es jetzt weiter?
Zunächst müssen die Absichtserklärungen insbesondere im Koalitionsvertrag der Großen Koalition mit Leben erfüllt werden. Ohne in die Details wie Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz oder Infrastrukturfonds gehen zu wollen: Unsere Verkehrsbetriebe sind in aller Regel kommunale Unternehmen. Sie sind der Daseinsvorsorge verpflichtet, aber sie haben keine eigenen Budgets für Forschung und Entwicklung. Sie brauchen also eine nachhaltige und verstetigte staatliche Förderung, wenn sie einen maßgeblichen Beitrag zu klimaneutralem ÖPNV leisten sollen.

Das Zauberwort für umweltfreundlichen Verkehr heißt bekanntlich Elektromobilität.
Für uns aber nicht neu. Mit seinen elektrischen Bahnsystemen bietet der ÖPNV ja schon lange insbesondere in den emissionsbelasteten Innenstädten auf den stark nachgefragten Achsen und Korridoren sauberen und damit ökologisch attraktiven Verkehr. Nun werden wir schrittweise den elektrischen Betrieb für den Linienbus aufbauen. Das geht nicht über Nacht und wird schon einen Zeithorizont bis 2030 haben. Aber wir sind schon unterwegs.

In Berlin hat sich die VDV-Akademie des Themas nun schon im neunten Jahr hintereinander angenommen. Doch trotz flott designter Fahrzeuge auf der parallelen Fachmesse Elekbu gewinnt man bei den Erfahrungsberichten aus der Branche leicht den Eindruck, dass es an vielen Ecken noch knirscht und klemmt.
Der Eindruck täuscht, denn die VDV-Betriebe haben bereits bundesweit 500 E-Busse im Einsatz und weitere werden laufend bestellt. Verstecken müssen wir uns, gerade im Vergleich zum E-Auto, wahrlich nicht. Aber der Abschied vom Verbrennungsmotor lässt sich nicht von heute auf morgen vollziehen. Auf der Fahrzeugseite warten wir immer noch darauf, dass uns die wenigen Hersteller serienreife, alltagstaugliche Fahrzeuge liefern – zu vertretbaren Preisen. In diesem Zusammenhang freuen wir uns, dass endlich auch die Daimler-Tochter Evobus in den Markt einsteigen will. Nicht unproblematisch ist auch das sehr komplexe Thema Infrastruktur, von den Lade-Technologien über Batterie-Leistungen bis zur Stromlieferung durch die Energieversorger.

Im Klartext: Die Elektromobilität im ÖPNV braucht noch viel Zeit, müssen die gesundheitsgefährdenden Stickoxid-Belastungen in den Innenstädten auch so lange bleiben?
Wir brauchen Brückentechnologien! Eine besonders überzeugende Lösung steht sofort zur Verfügung – der Dieselbus mit der Euro-6-Norm. Das ist eine gute Technologie mit hoch beachtlichen Klima-Qualitäten, die in den belasteten Städten sofort für bessere Luft sorgen kann.

Was bringt das wirklich? Die Linienbusse sind im Vergleich zum massenhaften Individualverkehr nur minimal an den Schadstoff-Emissionen beteiligt.
Das ist genau der Punkt. Eine Antriebswende, ob nun mit Euro-6-Bus oder E-Bus, ist noch lange keine Verkehrswende. Es muss gelingen, den Modal Split des ÖPNV spürbar zu erhöhen, damit saubere Technologien ihre Wirkungen entfalten. Ganz konkret: Eine Verkehrswende braucht mehr und bessere Angebote von Bus und natürlich Bahn. Höhere Taktfrequenzen, Ausweitung der Liniennetze, Komfort durch attraktive Fahrzeuge – das erhöht den Anreiz, vom Auto in den ÖPNV umsteigen. Und dann werden auch Klimaschutz-Ziele realisierbar. Also macht es Sinn, sofort in großem Stil in die Förderung zunächst von Euro-6-Bussen für die Übergangszeit einzusteigen.

Wie lässt sich das erreichen?
Mit öffentlichen Mitteln für moderne, klimaneutrale Fahrzeugflotten und einem gezielten Infrastrukturausbau. In Wien beispielsweise hat der ÖPNV einen Marktanteil von 40 Prozent, der Individualverkehr nur noch 25 Prozent. In Kopenhagen sieht es ähnlich aus. In beiden Metropolen wurden spezielle steuerliche Finanzierungsinstrumente geschaffen. Oder die Schweiz: Sie gibt pro Kopf der Bevölkerung sechsmal so viel für Bus und Bahn aus wie Deutschland. Und das durchaus im Sinne der Bürger: Die haben sich per Volksabstimmung dafür entschieden.

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