Bildnachweis: © Rheinbahn

Statt Nulltarif: City-Ticket fürs Auto

Die Ideen der geschäftsführenden Bundesregierung, aus Klimaschutzgründen den ÖPNV zum Nulltarif anzubieten, haben nach dem öffentlichen Widerstreit von Euphorie und Skepsis einmal mehr gezeigt: Wer das Umsteigen vom Pkw auf Bus und Bahn wirklich will, muss sehr viel Geld in die Hand nehmen. Ein Vorschlag: den Autofahrer per ÖPNV-Ticket zur Kasse zu bitten.

Der Berliner Volkswirtschaftsprofessor Ronnie Schöb verfolgt seit einigen Jahren schon ein der internationalen Fachwelt präsentiertes Modell, das er aus Anlass der Nulltarif-Diskussion kürzlich in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung einem breiteren Publikum vermittelte: Statt Bus und Bahn für jedermann kostenlos zu öffnen, schlägt er die Einführung eines „Multi-Mode-Tickets” vor. Das soll jeder kaufen, der in die von Stickoxiden und anderen Abgasen belasteten Stadtzentren fahren will. Jeder – das heißt nach Schöbs Überlegungen: auch jeder Autofahrer. Aus der Perspektive des motorisierten Individualverkehrs bedeute das, so Schöb in seinem Zeitungsbeitrag: Wenn jeder Autofahrer für die Fahrt in die City im Besitz einer gültigen Fahrkarte des ÖPNV-Systems sein müsse, werde „die Alternative, mit den Öffentlichen zu fahren, für sie im Vergleich zur Fahrt mit dem eigenen Wagen kostenlos. Die Anreize, von Auto auf den Bus umzusteigen, sind damit die gleichen wie beim Nulltarif im öffentlichen Nahverkehr.” Und die Kosten für die Autofahrt entfallen.

Milliardenschwere Ausfälle vermeiden
Wenn dann viele Nutzer des Autos umsteigen, würde das nicht nur Schadstoffemissionen reduzieren, sondern „auch innerstädtische Staus einfach und wirkungsvoll bekämpfen”, meint der Professor. Über ein solches Multi-Mode-Ticket könnte der milliardenschwere Ausfall von Fahrgeld-Einnahmen bei Nulltarif-Lösungen vermieden werden. In seiner optimistischen Schilderung sieht Schöb erhebliche Einnahmezuwächse für die kommunalen Verkehrsunternehmen. Mit den zusätzlichen Mitteln könnten sie ihre Angebote und Systeme für die gestiegene Nachfrage ausbauen. Einen weiteren Aspekt sieht der Professor: Wenn der ÖPNV weiter von den Fahrgästen bezahlt werden müsse, sei – anders als beim Nulltarif – ein massenhaftes Umsteigen jener, die bislang zu Fuß oder per Fahrrad unterwegs sind, nicht zu erwarten.

Zu den Voraussetzungen dieses Modells gehört u. a. der Ausbau von günstigen oder kostenlosen Park-and-Ride-Plätzen am Stadtrand mit Umsteigemöglichkeiten in Busse und Bahnen. Weiterhin die technische Überwachung, dass nur Inhaber des Multi-Mode-Tickets in die City einfahren und Zuwiderhandlungen mit Bußgeldern belegt werden. „Das Multi-Mode-Ticket ist für Städte mit großen Emissions- und Verkehrsproblemen eine günstige, schnelle und einfach einzuführende Maßnahme, die substantielle Verbesserungen der Stadtluft und des Stadtverkehrs verspricht und einfach zu verwalten und zu überwachen ist”, schreibt Schöb. Er verschweigt nicht: Die Idee wurde schon vor Jahrzehnten diskutiert. Sie verschwand aber wieder in den Schubladen, weil die Erhebung einer kommunalen City-Maut über Gesetzesänderungen nicht durchsetzbar erschien.

Umfassende Bestandsaufnahme in NRW
In Nordrhein-Westfalen haben die Diskussionen um den Nulltarif im ÖPNV einmal mehr den Blick auf den baulichen Erhaltungszustand insbesondere der Stadtbahn-Netze in den Großstadtregionen an Rhein und Ruhr gelenkt. Medienberichten zufolge hat Landesverkehrsminister Hendrik Wüst ein Düsseldorfer Ingenieurbüro beauftragt, eine umfassende Bestandsaufnahme zu erstellen. Es gehe um knapp 1.800 Kilometer Schienennetze, die zum Teil schon seit den 1950er-Jahren in Betrieb sind. Über 80 Brücken und mehr als 2.700 Bahnsteige müssten erneuert werden. Weiterhin stünde ein Drittel der Infrastruktur für die Stromversorgung – rund 700 Kilometer – vor dem Austausch. Umfassende Investitionen seien auch in die Fahrzeugflotten erforderlich: Jede zehnte Stadtbahn sei schon seit 35 Jahren im Einsatz.

Der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) schätzt den Erneuerungsbedarf bundesweit auf rund vier Milliarden Euro, mit wachsender Tendenz. VDV-Präsident Jürgen Fenske, als Chef der Kölner Verkehrsbetriebe unmittelbar betroffen, begrüßte zwar Überlegungen, den ÖPNV zu stärken, wies aber auf den Nachholbedarf hin: „Bevor man über kostenlosen, also steuerfinanzierten Nahverkehr nachdenkt, müssen zunächst überhaupt die Voraussetzungen für einen leistungsfähigen ÖPNV in Deutschland geschaffen werden. Schon heute drängeln sich die Fahrgäste überall in Bussen und Bahnen. Ein kurzfristiger, sprunghafter Fahrgastanstieg würde die vorhandenen Systeme vollständig überlasten. Das heißt, zunächst benötigen wir dringend den Ausbau der Kapazitäten im deutschen Nahverkehr mit Hilfe öffentlicher Finanzierung.” Und die dürfe „keine Eintagsfliege” bleiben. Bund, Länder und Gemeinden müssten „diesen Nahverkehr dauerhaft und nachhaltig finanzieren”.

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