Mobility Inside – per App durchs Land | Bildnachweis: © Michael Fahrig

Mit Mobility inside per App durchs Land

Nach bislang eher langwierigen Bemühungen für ein bundesweites Tarif- und Ticketsystem im Nah- und Fernverkehr plant die Verkehrsbranche jetzt die digitale Lösung. Schon ab 2019 will sie mit einer bundesweiten Plattform antreten, die nicht nur Fahrwege, Fahrpläne, Fahrpreise und weitere Informationen via App individuell und maßgeschneidert aufs Smartphone bringt, sondern auch die bargeldlose Bezahlung übers Konto möglich macht. „Mobility inside“ heißt das Produkt der deutschen Verkehrsunternehmen.

In der Demo-Version klappt es schon perfekt. Da kann man von Leipzig nach Ludwigshafen reisen. Die App verrät, wo es das Mietfahrrad für die Fahrt zur nächsten Straßenbahn-Haltestelle gibt, und wann die Bahn dort zum Hauptbahnhof abfährt. Den Fernverkehr übernimmt dann zunächst der ICE, dann die S-Bahn, um am Schluss fährt der Bus bis zum Ziel. Alles wird übersichtlich auf dem Smartphone präsentiert. Und wenn der Kontrolleur unterwegs kommt, dann zeigt das Handy nach einem Fingertipp den quadratischen QR-Code, den Vielreisende schon vom Flug- oder Bahnticket kennen. Auf Wunsch lässt sich die Reise unterbrechen, ja selbst umdisponieren. Hotels, Restaurants, Theater, Museen, Einkaufsmöglichkeiten, genauso Fahrrad-Stationen, Mietwagen, Car-Sharing-Angebote – bitte sehr: Alles wird übersichtlich präsentiert und kann geordert werden. Jede gebuchte Teil-Leistung kommt in den Warenkorb, wird später übers Konto abgerechnet – wenn sich der Kunde zuvor hat registrieren lassen. Wie das bei einer Plattform so funktioniert.

„Der Zugang zu Bus und Bahn, die in Deutschland von vielen hundert Unternehmen und Verbünden betrieben werden, soll durch die Plattform Mobility inside signifikant vereinfacht werden. Das ist nicht nur Wille der europäischen und deutschen Gesetzgeber, sondern auch gut für die Fahrgäste und damit für die Branche. Denn so können neue Kunden für den öffentlichen Verkehr gewonnen werden. Und für bestehende Fahrgäste wird die bundesweite Nutzung unserer Angebote einfacher“, erklärt Oliver Wolff, Hauptgeschäftsführer des Verbandes Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV). Für die Branche ist es schlichte Notwendigkeit. Spätestens seitdem der amerikanische Taxi-Unternehmer Uber mit seiner Plattform die Mobilitätsmärkte zu erobern trachtet, sind die Unternehmer von Bussen und Bahnen in Alarmstimmung. „Mit der Digitalisierung werden wir im Verkehrsmarkt mit seinen radikalen Fahrgastzuwächsen bald mit ganz anderen Wettbewerbern zu rechnen haben, nämlich mit Google und Co.“, beschreibt beispielsweise André Neiß, Vorstandsvorsitzender der Hannoverschen Nahverkehrsgesellschaft ÜSTRA, die Situation. Und die Branche fürchtet, dass sie trotz ihrer exzellenten Kundenkontakte zu „Lohnkutschern“ degradiert wird. Der Blick auf die Plattformen im Flug-, Hotel- und Touristikgeschäft zeigt ihnen, wo es lang gehen könnte.

Rund 20 Verkehrsunternehmen, unter ihnen die Deutsche Bahn und der Rhein-Main-Verkehrsverbund, leisten bereits seit geraumer Zeit Pionierarbeit für die gemeinsame Plattform. In der nächsten Zukunft soll diese Vorarbeit in die Verbindlichkeit eines Unternehmens gebracht werden, unter Beteiligung von IT-Fachfirmen. Die neue Basis für den deutschen Mobilitätsmarkt zu schaffen ist „nicht trivial“, wie es VDV-Mann Wolff ausdrückt. Busse und Bahnen betreiben hierzulande rund 450 in seinem Verband vereinte, meist kommunale Nahverkehrsunternehmen, und weitere hundert Firmen fahren im Bundesverband Deutscher Omnibusunternehmer (BDO). Die meisten dieser Betreiber verfügen längst über digitale Auskunfts- und Vertriebskanäle – auch über Apps. Und die sollen alle auch erhalten bleiben: Der Kunde nutzt weiterhin die Angebote seines bekannten und lokal verankerten Mobilitätsanbieters. Nur mit der Möglichkeit, darüber hinaus ein Komplett-Angebot des öffentlichen Verkehrs übers Smartphone nutzen zu können: Der Fahrgast, der beispielsweise bei „seinem“ Verkehrsbetrieb in Hannover als gelegentlicher oder als regelmäßiger Kunde registriert ist, kann in ganz Deutschland über Mobility inside Reiseketten und sonstige Dienstleistungen buchen, alles über die eine App und ohne weiteren Bestellaufwand. Die Verkehrsbranche baut auf das Argument, dass die gewachsenen Kundenbeziehungen durch die neue Branchenplattform gestärkt werden. Das sei auch im Interesse der Fahrgäste, denn die haben alles in einer Hand – ein klassischer Heimvorteil also gegenüber internationalen Plattformen.

Damit dies funktioniert, ist angesichts der Vielfalt der Unternehmen reichlich digitale Verknüpfung erforderlich. Hinzu kommt die Aufgabe, auch die Bezahlfunktion zu integrieren. Eine äußerst komplexe Arbeit: Bekanntlich ist das Tarifsystem des öffentlichen Verkehrs in Deutschland durch extreme Vielfalt geprägt, die ab und zu selbst häufige ÖPNV-Nutzer überfordert. Ein Grund wohl auch, weshalb Google und Co. noch nicht in dem Markt angetreten sind. Wolff: „Wenn wir den großen Plattformen ein Schnippchen schlagen wollen, dann müssen wir das lösen und zudem möglichst viele Verkehrsunternehmen bei Mobility inside verknüpfen. Wir sehen anhand der Schnelligkeit, mit der sich der Markt dieser Plattformen entwickelt, dass es keine sinnvolle Alternative zur digitalen Transformation und einer weit reichenden Vernetzung gibt.“

In der Politik gibt es wohlwollende Unterstützung für die deutsche Verkehrsplattform. „Ein kluger Weg des VDV“, urteilt beispielsweise der niedersächsische Wirtschafts- und Verkehrsminister Olaf Lies. „Öffentlich organisierte Mobilität“ gewinne, bedingt durch die demografischen Entwicklungen, an Bedeutung: Viele Ältere stiegen gerne vom Auto um in Bus und Bahn, die junge Generation verzichte zunehmend von vornherein auf den eigenen fahrbaren Untersatz. Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt öffnete sogar ein Füllhorn seines Ministeriums: 880.000 Euro Fördergelder gibt es für das Vorhaben Mobility inside.

Bild: © Michael Fahrig