Ist Deutschland noch leistungsfähig?

Ist Deutschland noch leistungsfähig?

Die Experten sind sich einig: Deutschland investiert zu wenig Geld in die eigene Infrastruktur. Da der Verkehr auf Straße und Schiene aber zunehmen wird, drohen vielerorts Engpässe. Wir haben mit Prof. Dr. Wolfgang Stölzle, Verkehrsexperte und Inhaber des Lehrstuhls für Logistikmanagement an der Universität St. Gallen, über die aktuelle Situation gesprochen.

Prof. Dr. Wolfgang Stölzle, Inhaber des Lehrstuhls für Logistikmanagement an der Universität St. Gallen

Prof. Dr. Wolfgang Stölzle ist seit 2004 Inhaber des Lehrstuhls für Logistikmanagement an der Universität St. Gallen. Außerdem ist er Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats beim Bundesminister für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung in Berlin.

Herr Stölzle, Prognosen sagen, dass die Verkehrsbelastung in Deutschland bis 2025 drastisch steigen wird. Welche Folgen hat diese Entwicklung?
Nehmen wir den Güterverkehr: Hier stellen wir seit über 30 Jahren fest, dass dieser zunimmt – und zwar überproportional zum Wirtschaftswachstum. Auch hat sich in der Vergangenheit immer wieder gezeigt, dass die Belastungen letztlich noch stärker waren, als es die Prognosen angenommen haben. Die Folge sind Kapazitätsengpässe, die es heute schon gibt, die aber in Zukunft noch anwachsen werden.

Wie kann man gegensteuern?
Die Infrastruktur muss dringend ausgebaut werden. Sie ist eine wichtige Ressource für die Leistungsfähigkeit der deutschen Wirtschaft. Das Bundesverkehrsministerium ist sich dessen bewusst, aber die anderen politischen Akteure in Deutschland haben das Problem längst noch nicht in der vollen Tragweite erkannt. Mit Ausbau meine ich im Übrigen nicht, dass flächendeckend neue Autobahnen und Schienenwege gebaut werden müssen. Es reicht oftmals schon, punktuell Engpässe zu beseitigen. Zum Beispiel wird derzeit die Schienenstrecke auf der Rheintalbahn zwischen Karlsruhe und Basel modernisiert und erweitert. Hier waren die Kapazitätsgrenzen schon erreicht.

Derzeit investiert der Bund rund zehn Milliarden Euro pro Jahr in die Infrastruktur. Reichen diese Mittel denn für einen Ausbau?
Die Mittel reichen nicht aus, um in neue Projekte zu investieren. Mit dieser Summe kann höchstens das bestehende Verkehrsnetz intakt gehalten werden. Höhere Investitionen in die Infrastruktur sind aber dringend erforderlich, um weitere Engpässe auf Straße und Schiene zu vermeiden.

Große Mehrausgaben sind jedoch im Bundeshaushalt zumindest bis 2016 nicht vorgesehen. Wo kann das Geld herkommen?
Ich plädiere weiterhin dafür, den allgemeinen Staatstopf zu Gunsten des Verkehrs umzuschichten. Darüber hinaus halte ich sogenannte Public-Private-Partnerschaften für sinnvoll. Öffentliche Träger und private Unternehmen investieren gemeinsam in ein Infrastrukturprojekt. In Deutschland wurden bislang nicht ausreichend Anreize für Private gesetzt, aber das Modell hat großes Potenzial.

Auch im europäischen Vergleich hinkt Deutschland hinterher: Laut einer Studie der Allianz Pro Schiene werden gerade einmal 53 Euro pro Kopf (Anmerkung: 2012 pro Kopf 51 Euro) in die Schieneninfrastruktur investiert, beim Spitzenreiter Schweiz sind es 308 Euro. Was läuft besser beim Nachbarn?
Diese Zahlen muss man sehr differenziert betrachten. In der Schweiz herrschen andere Rahmenbedingungen. Infolge der Topographie und einer anderen Siedlungsstruktur stehen die Schweizer vor großen Herausforderungen. Dementsprechend fallen Investitionen in Infrastruktur größer aus. Was in der Schweiz aber sehr gut gelingt, ist die gezielte Verlagerung des Verkehrs von der Straße auf die Schiene. Der Staat gibt Unternehmen durch eine sehr hohe Lkw-Maut und Nachtfahrverbote für Lkws starke Impulse, ihre Güter auf dem Schienenweg zu transportieren.

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