Intelligenz ersetzt fehlende Investitionen

Intelligenz ersetzt fehlende Investitionen

Weltweit kommen die Infrastrukturen für Verkehr und Versorgung in die Jahre – weltweit fehlt das Geld für großzügige Erneuerungen. Eine Studie des World Economic Forum und der international tätigen Beratungsfirma Boston Consulting Group (BCG) fordert von den Regierungen deshalb ein radikales Umdenken: Statt teurem Neubau die intelligente Nutzung und Pflege vorhandener Infrastrukturen.

Die Zahlen sind kaum mehr fassbar: Um marode Infrastruktur funktionsfähig zu halten, müssten in den nächsten eineinhalb Jahrzehnten jedes Jahr rund um den Globus zusätzliche Investitionen in einer Größenordnung von einer Billion US-Dollar getätigt werden. Das ist eine schier unvorstellbare Zahl – eine Eins mit zwölf Nullen; sie entspricht tausend Milliarden. Den volkswirtschaftlichen Gesamtwert aller Infrastrukturen rund um den Erdball schätzt die Studie auf gigantische 50 Billionen US-Dollar.

Es ist, so die Untersuchung, gar nicht einmal immer das fehlende Geld, das diese Investitionslücke entstehen lässt, sondern die politische Absicht vielerorts, möglichst neue Infrastrukturen aufbauen zu wollen. Und das führe dann zu Problemen: zu extrem hohen Kosten, die staatliche Kassen nicht mehr stemmen können, und zu langen Planungs- und Realisierungszeiten. Die namhaften internationalen Unternehmen und Experten, die an der Erarbeitung der im April 2014 in Panama auf einer Regionalkonferenz des World Economic Forums vorgestellten Studie mitgewirkt haben, plädieren deshalb für eine Alternative. Ihr Vorschlag: Die Staaten sollten ihr Geld besser in die Optimierung bestehender Infrastruktureinrichtungen stecken. Die sinnvolle Nutzung im täglichen Betrieb, die sorgfältige Pflege und Unterhaltung der Anlagen – das ist für Fachleute das durchdachte Zusammenspiel von „Operations and Maintenance“ (O&M) , mit dem sich Kapazitätsengpässe und Qualitätsmängel in der Infrastruktur weit kostengünstiger beheben ließen als mit aufwändigem Neubau.

„Best Practice“-Beispiele aus aller Welt
Diese Erkenntnis kommt nicht aus dem Elfenbeinturm der Wissenschaft: Über 200 „Best Practice“-Beispiele aus aller Welt und allen Infrastrukturbereichen stellt die Studie vor und gibt konkrete Anregungen, wie die dort gepflegten O&M-Optimierungen auf andere Einrichtungen übernommen werden können. „In den unterschiedlichen Infrastruktursektoren gibt es zahlreiche Beispiele für exzellente Operations-&-Maintenance-Ansätze, die aber verstärkt angewandt werden müssen“, sagt Philipp Gerbert, Senior Partner bei BCG und Mitautor der Studie. „Beispielsweise kann vorbeugende Instandhaltung für Straßenbelag die Kosten über den gesamten Lebenszyklus um bis zu einem Drittel reduzieren. Digitale Technologien wie Sensoren oder modernste Datenanalyseverfahren helfen, traditionelle Infrastrukturen effizienter zu managen und instand zu halten. Der wichtigste Punkt allerdings ist: O&M-Lösungen sind äußerst kosteneffizient in einem ansonsten kapitalintensiven Business.“

Gerbert greift damit Argumente auf, die in der Studie zu den Kernaussagen zählen. Viele Regierungen in Industrie und Entwicklungsländern vernachlässigten ihre vorhandene Infrastruktur im Betrieb und im Unterhalt, heißt es. Dadurch würden häufig eine optimale Ausnutzung der Kapazitäten und angemessene Qualitätsstandards für den Nutzer nicht erreicht. O&M würde allzu oft hinten angestellt, weil die Politik lieber neue Infrastrukturen baue. Vor dem Hintergrund der ausufernden Kosten fordert die Studie deshalb den „step change“, den Sinneswandel bei der Infrastruktur-Nutzung.

Ansätze dazu gibt es reichlich. Im Prinzip geht es immer darum, den Nutzen einer Infrastruktur zu maximieren und sie mit hoher Kosteneffizienz so lange wie möglich zu erhalten oder auch veränderten Bedingungen anzupassen. Beispielhaft nennt die Studie dazu etwa die Möglichkeit, Fahrstreifen einer mehrspurigen Straße je nach Verkehrsaufkommen in der Richtung zu wechseln. Sie verweist auch auf „Road Pricing“, auf Maut-Lösungen, mit denen Straßenraum in Spitzenzeiten verteuert werden kann, um die Nachfrage zu entzerren. Sie empfiehlt Wartungs- und Instandhaltungskonzepte, die einerseits mit moderner IT vorausschauend aktiv werden, andererseits auch deshalb Sperrzeiten der Infrastruktur in verkehrsschwache Stunden legen kann. Für den Schienenverkehr verweist sie auf das European Train Control System (ETCS), das mit elektronischer Zugüberwachung die Streckenkapazität durch kürzere Zugabstände erhöhen kann. Für die Infrastrukturfinanzierung favorisiert die Studie Lösungen wie die in der Schweiz und in Österreich bestehenden überjährigen Fonds, die losgelöst von politisch-fiskalischen Einflüssen mehr Effizienz versprechen.

Auch kleine O&M-Verbesserungen können einen erheblichen Effekt haben, betont Gerbert: „Ausgehend von dem globalen Infrastrukturbestand im Wert von 50 Billionen US-Dollar impliziert jedes Prozent Optimierung viele Milliarden eingesparte Dollar.“ Und das sind Einsparungen, die dann Mittel für wirklich gebrauchte Neubauprojekte verfügbar machen.