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Gemeinsame Normen für die Bahn der Zukunft

Verkehrsunternehmen, Bahnindustrie und die großen Branchenverbände haben einen neuen Verein gegründet – den „Verein für die Normung und Weiterentwicklung des Bahnwesens”, kurz NWB. Martin Schmitz, Geschäftsführer Technik des Verbands Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV), beschreibt die Gründe für die Gründung und die Aufgaben des Vereins im Interview.

Herr Schmitz, die Bahnbranche hat sich längst auf die Fahnen geschrieben, dass innovativer Schienenverkehr einen entscheidenden Beitrag für die Verkehrswende und zum Klimaschutz leisten will. Wozu braucht es dann diesen Verein?
Martin Schmitz: Technische Systeme wie eben auch das System Bahn sind von hoher Komplexität, und da muss das Zusammenspiel bis in die Details geregelt, also mit Normen festgelegt sein. Das ist grundsätzlich Sache des Deutschen Instituts für Normung, besser bekannt unter seiner Abkürzung DIN. Dort gibt es einen DIN-Normenausschuss Fahrweg und Schienenfahrzeuge, kurz DIN FSF. Unser neuer Verein, ein unabhängiger eingetragener Verein, wird Träger des DIN FSF.

Wer hat den Verein gegründet?
Gründungsmitglieder sind die Verbände VDV, VDB, VPI, VDS, sowie die Unternehmen Deutsche Bahn, Alstom Deutschland, Bombardier Transportation, Siemens, Knorr-Bremse, VTG und die Münchner Verkehrsgesellschaft. Es steht natürlich anderen Playern des Sektors frei, ebenfalls einzutreten.

Warum überlässt die Bahnbranche den DIN FSF nicht dem DIN?
Ganz einfach: Wir möchten ganz nah dran sein an allen Fragen der Normierung, Standardisierung und Regulierung, soweit sie das System Bahn betreffen. Industrie, Betreiber, öffentliche Hand, Waggonvermieter und andere Stakeholder wollen mitreden können, wenn es um die Weiterentwicklung der Bahntechnik-Normen geht. Unser Ziel ist es, wirtschaftliche und sichere Standards zu schaffen. Hierzu ist es hilfreich, erfahrene und sachkompetente Mitarbeiter zur Koordinierung der Normungsgremien langfristig beschäftigen zu können. Als Beispiel sei angeführt, dass der NWB mit den sektoralen „Lenkungskreisen Fahrzeuge“ und dem „Lenkungskreis Interoperabilität und Sicherheit“ auf kurzem Wege den Austausch zwischen Normung und Sektorabstimmungen kommunizieren kann. Dies können wir mit dem neuen Trägerverein bieten.

Ist das so wichtig? Immerhin gibt es die Eisenbahn schon seit fast 200 Jahren, es müsste eigentlich alles normiert sein.
Das kann man so nicht sagen. Jede technische Weiterentwicklung erfordert die Überarbeitung vorhandener Normen, ggf. auch neue Normen. Ein plastisches Beispiel aus der Verkehrsbranche: Bei Elektrobussen hat bis jetzt jeder Hersteller ein eigenes Ladesystem für die Batterien entwickelt. Erst die Verständigung auf gemeinsame Normen wird zur Vereinheitlichung und damit zur kostengünstigeren Serien-Lösung führen.

Letztlich ist der neue Verein eine Lobby-Institution?
Nein, das geht gar nicht. Das ist im Übrigen sogar per DIN-Norm 820 ausgeschlossen. Sie enthält ein generelles Neutralitätsgebot. Vereinheitlichungen sind demzufolge zum Nutzen der Allgemeinheit durchzuführen, nicht um wirtschaftliche Sondervorteile Einzelner zu erlangen. Diese Neutralität wird auch schon durch die branchenweiten Mitgliedschaften abgebildet. Unser Trägerverein ist eher eine Koordinationsplattform für die finanziellen, personellen und organisatorischen Fragestellungen. Die technischen Themen zur Bahntechnik werden weiterhin in den Arbeitskreisen des DIN-FSF durchgeführt, in die alle am Schienenverkehr Beteiligten ihr Know-how einbringen, um dann Standardisierungen herbeizuführen.

Wo sehen Sie die Schwerpunkte der Arbeit?
Kerngedanke ist ganz sicher die weitere Europäisierung der Normierungsarbeit. Hierzu werden die Mitarbeiter im Rahmen Ihrer Ausschussarbeit die Kontakte zum Europäischen Komitee für Normung CEN und darüber hinaus zur europäischen Bahnagentur ERA und zur Europäischen Kommission pflegen.

Konkret: was steht da an?
Eine ganze Menge. Hier ein paar Stichworte: Brandschutz, Dauerfestigkeit von Wagenkästen, Drehgestellen und Radsatzwellen, Geräuschreduktion, Aerodynamik bei Hochgeschwindigkeitszügen, Seiteneinstiegssysteme (Türen und Schiebetritte), Gestaltung des Fahrerarbeitsplatzes bzw. der Fahrerkabine, die übergreifende Regelung der Barrierefreiheit für mobilitätseingeschränkte Personen sowie die Beschäftigung mit Maßnahmen zur Erhöhung der Energieeffizienz im Bahnverkehr.

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