© Navya | Pierre Salomv - "Aishuu"

Autonomer Abschied vom Individualverkehr

Für die Zukunft von Mobilität und Logistik bleiben der Erhalt und der Ausbau der Verkehrsinfrastruktur ein zentrales Thema – trotz fantasievoller Visionen von der „Digitalisierung“. Deutlich wurde das auf einer Konferenz „Logistik & Mobilität“ der Wochenzeitung „DIE ZEIT“ in der Frankfurter Messe.

„Grandios unterfinanziert“ ist die Infrastruktur: Diese deutliche Formulierung fand Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) auf der Veranstaltung. Und er schickte ein paar Zahlen hinterher: Der von ihm eingeleitete „Investitionshochlauf“ habe die Mittel für den Verkehr um 40 Prozent pro Jahr gesteigert, von zehn auf 14 Milliarden Euro pro Jahr. Etwa 70 Prozent der Mittel gingen in den Erhalt der Bestandsnetze der Verkehrswege – etwa in 715 Autobahn-Baustellen: Es würden „eher noch mehr in der Zukunft“.

Transport-Infrastruktur „am Anschlag“
Düstere Perspektiven, die auch Jochen Eickholt, Siemens-Chef der Sparte Mobility, mit weiteren Zahlen untermauerte: Durch Behinderungen auf den Straßen würden Handwerksbetriebe im Schnitt jede Woche acht Arbeitsstunden verlieren. 568.000 Kilometer Stau habe es im letzten Jahr auf den Autobahnen gegeben, die Hälfte der Brücken von Fernstraßen verdiene für ihren Zustand allenfalls die Schulnote „ausreichend“. Und von 25.000 Eisenbahnbrücken sei jede dritte mehr als 100 Jahre alt. Die Transport-Infrastruktur sei „ziemlich weit am Anschlag“, befand Eickholt. Digitalisierung sei der Schlüssel, die technische Verfügbarkeit der Verkehrssysteme zu erhöhen und damit die Effizienz des Verkehrs besser zu gestalten – auf der Straße wie auf der Schiene. Mithilfe von Algorithmen statt zusätzlicher neuer Infrastruktur sei ein „Mehr an Transportleistung“ in den vorhandenen Strukturen möglich. Zum Beispiel: Automatisierte U-Bahn-Systeme könnten mit extrem kurzen Zugfolgen bedient werden, sofort auf ungewöhnliche Nachfrage-Schwankungen reagieren und die Transportkapazität um bis zu 50 Prozent steigern.

Mobilitätsketten übergreifend managen
Deutlich wurden auf der Konferenz die erheblich voneinander abweichenden Vorstellungen von Automobilindustrie und der übrigen Verkehrsbranche über den Sinn und Nutzen der Elektromobilität. Der Siemens-Manager beobachtet, dass sich die Autohersteller ausschließlich auf die Fahrzeug-Technologie konzentrierten. Wichtig sei aber auch, die Infrastrukturen für das Auto „intelligent“ zu machen. Bei den Unternehmern des öffentlichen Verkehrs herrscht zudem die Vorstellung, dass autonom fahrende, elektrisch angetriebene Fahrzeuge nicht die Fortsetzung des Individualverkehrs mit dekarboniserten Antrieben sein können. Rüdiger Grube, Chef der Deutschen Bahn, erklärte, dass „die Energiewende ohne die Verkehrswende nicht zu schaffen“ sei – und skizzierte eine „Mobility on Demand“ – als einen „individualisierten ÖPNV“ dank einer intelligenten Verknüpfung der Verkehrsmittel. Aufgabe der Verkehrsunternehmen müsse es zunehmend sein, die Mobilitätsketten ihrer Kunden übergreifend zu managen – ohne dass sich branchenfremde Plattform-Anbieter zwischenschalten würden. Henrik Falk, Chef der Hamburger Hochbahn AG, denkt in dieselbe Richtung: Wenn das autonome Fahren komme, „gibt es keinen Individualverkehr mehr“, das sei dann ganz klar öffentlicher Verkehr.

Ulrich Nussbaum, Präsident des Deutschen Verkehrsforums verwies auf den Aspekt Klimaschutz: Verkehr als einer der größten Emittenten müsse das im Entwurf des „Nationalen Klimaschutzplans 2050“ bereits formulierte Ziel, bis 2030 die Emissionen mindestens um 55 Prozent reduzieren, unbedingt einhalten. Er lenkte den Blick weg von elektromobilen Pkw auf die weiteren Verkehrsmittel: Auch für Lkw, Schiffe und Flugzeuge müssten in den kommenden Jahren umweltfreundliche Antriebslösungen gefunden werden.

Skepsis äußerte ausgerechnet der sonst eher für Optimismus bekannte Verkehrsminister. „Auch in der Politik, auch im Ministerium“, so Dobrindt, seien „latente Innovationsfeindlichkeit und Technologie-Pessimismus“ auszumachen. Der Minister warnte: „Wir befinden uns an der Weggabelung zwischen Innovationsland und Stagnationsland.“

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