Neue Wege für den Radverkehr

Neue Wege für den Radverkehr

Immer mehr Menschen entdecken das Radfahren für sich. Diesem Tempo hält die Infrastruktur aber nicht überall stand, wie der ADFC-Fahrradklima-Test 2012 und steigende Unfallzahlen zeigen. Fahrradverbände fordern deshalb mehr Investitionen in eine sichere und attraktive Fahrradinfrastruktur. Wir haben Prof. Dr. Martin Haag, Baubürgermeister der Stadt Freiburg, zum Thema befragt.

Prof. Dr. Martin Haag, Baubürgermeister der Stadt Freiburg

Prof. Dr. Martin Haag studierte Raum- und Umweltplanung und promovierte zum Thema „Notwendiger Autoverkehr in der Stadt“. Zwischen 2007 und 2010 war er Lehrstuhlinhaber und Leiter des Instituts für Mobilität & Verkehr an der TU Kaiserslautern. Seit Anfang 2011 ist er Baubürgermeister in Freiburg.

Herr Professor Haag, Freiburg belegt im aktuellen Ranking des ADFC Rang Zwei bei den Städten über 200.000 Einwohner. Was machen Sie richtig?
Freiburg ist früh von einer autoorientierten Verkehrspolitik abgerückt, wir beschäftigen uns schon seit mehr als 30 Jahren intensiv mit dem Fahrradverkehr. Dabei betrachten wir die Verkehrsplanung nicht als bloße Infrastrukturaufgabe, sondern als Teil der Stadtentwicklung. Ziel ist es, Freiburg immer mehr zu einer Stadt der kurzen Wege zu machen und dabei besonders die umweltfreundlichen Verkehrsträger zu berücksichtigen.

Welche Maßnahmen der vergangenen Jahre würden Sie besonders hervorheben?
In den vergangenen Jahren haben wir viel an den Hauptverkehrsstraßen getan und hier neue Radfahrstreifen und Radwege gebaut. Wir haben außerdem die Sicherheit an Knotenpunkten verstärkt. Ein Schwerpunkt war auch das Fahrradparken. Hier haben wir neue Angebote geschaffen, aber leider mussten wir mitunter auch regulierend eingreifen und Parkverbote aussprechen, damit in einer Stadt mit 30 Prozent Radverkehrsanteil kein Wildwuchs entsteht.

Welche Ziele haben Sie sich für die kommenden Jahre gesteckt?
Wir wollen ein Netz an Radvorrangrouten bauen, ähnlich den Radschnellwegen in den Niederlanden. Bislang gibt es bereits eine Ost-West-Route, die sehr gut angekommen wird. Hinzukommen sollen zwei neue Nord-Süd-Verbindungen. Ein weiteres wichtiges Ziel ist die Verbesserung der Verkehrssicherheit – ein Bereich, in dem wir noch deutlich aufholen müssen und wollen. Die Stadt Freiburg hat zu diesem Zweck ein Verkehrssicherheitsprogramm aufgelegt. 

Wie sieht für Sie die ideale städtische Fahrradinfrastruktur aus?
Das hängt natürlich immer auch von den Gegebenheiten vor Ort ab. Grundsätzlich halte ich eine Fahrradinfrastruktur aber dann für ideal, wenn es ein flächendeckendes Netz für Radfahrer gibt, das sicher und komfortabel ist. Außerdem sollte es gut ins Stadtbild integriert sein.

Wie schätzen Sie generell die Situation in den deutschen Städten ein. Gibt es noch viel Nachholbedarf in Sachen Infrastruktur?
Natürlich kenne ich nicht die Situation in allen Städten, aber schon in vielen. Ich denke, dass es noch einiges an Nachholbedarf gibt. Der Radverkehr braucht eine gute Infrastruktur, um angenommen zu werden und sicher zu sein. Wichtig ist dabei auch die Oberflächenbeschaffenheit der Straßen. Schlaglöcher machen nicht nur Autofahrern zu schaffen, sondern mindestens genauso sehr den Radfahrern.

Oft wird von Kampf- oder Rüpelradlern gesprochen. Verleiten nicht auch Mängel in der Infrastruktur die Radfahrer zu Fehlverhalten?
Radfahrer sind grundsätzlich weder besser noch schlechter als andere Verkehrsteilnehmer, deshalb finde ich Begriffe wie „Rüpelradler“ nicht passend. Ich denke, dass wir grundsätzlich eine neue Kultur der Rücksichtnahme unter den Verkehrsteilnehmern brauchen, denn der Staat kann nicht alles reglementieren. Eine gute Infrastruktur ist aber sicherlich hilfreich, um Fehlverhalten zu vermeiden.

Was wünschen Sie sich für die künftige Finanzierung der Fahrradinfrastrukturen?
An der Infrastruktur wird ja gerne gespart. Das Land Baden-Württemberg dagegen investiert viel in den Radverkehr und fördert unter anderem den kommunalen Radwegebau. Ich würde mir wünschen, dass noch mehr Bundesländer dem Radverkehr eine hohe Priorität einräumen und auch der Bund verstärkt Mittel für den Radverkehr freisetzt.

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