Bildnachweis: © Henrik Falk Buero 2016, Hamburger-Hochbahn

Zukunftsthema Mobilität lockt Computer-Experten

Die digitale Transformation erreicht die kommunalen Verkehrsunternehmen. Zu den Protagonisten dieser Entwicklung zählt die Hamburger Hochbahn AG. Im Interview erläutert Vorstandschef Henrik Falk, warum sich der Konzern auf breiter Front mit der Digitalisierung auseinandersetzt. Seine zentralen Motive sind klassisch unternehmerisch: Zukunftssicherung für Mitarbeiter und Eigentümer, mehr Qualität für die Kunden.

Herr Falk, die Hochbahn formuliert in ihrer Unternehmensstrategie 2030 die Vision einer „intelligenten Mobilität für eine lebenswerte Zukunft“. Ist das mehr als eine wohl klingende Absichtserklärung?
Henrik Falk: Aber ja. Die digitale Transformation verändert unseren ÖPNV-Markt bereits heute. Denken Sie nur an Carsharing oder Mietfahrräder – oder an den Ridesharing-Bereich, den gerade Uber stark vorantreibt. Auf der Basis der smarten Informationstechnologie wird so mehr und mehr das klassische Nebeneinander von Individualverkehr und öffentlichen Bus- und Bahn-Angeboten aufgehoben zugunsten neuer, eben intelligenter Mobilität. Wir sind bekanntlich bereits auf dem Weg, uns dafür zum integrierten Mobilitätsdienstleister zu entwickeln.

Warum setzen Sie nicht auf Arbeitsteilung und konzentrieren sich auf Ihr ja durchaus ansehnliches Kerngeschäft?
Wir möchten uns nicht das Heft des Handelns aus der Hand nehmen lassen. Wir wollen den Verkehrsmarkt gestalten und nicht bloß auf Veränderungen reagieren. Im Interesse unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und auch im Interesse unseres Eigentümers, der Freien und Hansestadt Hamburg.

Was wird die Digitalisierung künftig verändern?
Wie schon gesagt: Die Grenzen zwischen motorisiertem Individualverkehr und dem ÖPNV werden verschwimmen. Künftig werden die Menschen ihre Mobilitätsmittel konsequent teilen – etwas was der ÖPNV klassischerweise schon immer anbietet. Nur künftig in einem viel höheren Ausmaß als bisher: Das autonome Fahren wird in wenigen Jahren einen grundlegenden Wandel in der Mobilitätskultur auslösen. Und da müssen und wollen wir als Anbieter dabei sein – nicht zuletzt im Übrigen, um möglichst vielen und möglichst noch mehr Kunden als bisher ein attraktives, umweltfreundliches Mobilitätsangebot zu bieten.

Wie konkret sind die Pläne der Hochbahn?
Wir führen aktuell unter anderem Gespräche mit dem Volkswagen-Konzern über ein mögliches gemeinsames Projekt in Hamburg. Noch ist es aber zu früh, um hier schon Konkretes nennen zu wollen.

Das ist aber nur eine Facette der digitalen Transformation.
Ja, natürlich. Wir haben in den letzten Monaten bei der Hochbahn 13 strategische Initiativen definiert und dabei rund 40 konkrete Projekte formuliert, um das Thema Digitalisierung greifbarer und umsetzbar zu machen. Und die haben wir in 22 internen Veranstaltungen erstmalig den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern präsentiert. Das ist sehr wichtig, denn in der Belegschaft herrschen vielfach vage Vorstellungen und vor allem Befürchtungen. Die Potenziale und Perspektiven der Digitalisierung müssen wir uns deshalb gemeinsam erarbeiten.

Wo liegen die größten Potenziale?
Neben den beschriebenen neuen Möglichkeiten in der Verknüpfung von öffentlicher und individueller Mobilität haben wir den „Masterplan E-Bussystem“ als eine strategische Initiative formuliert. Wir wollen ab 2020 nur noch emissionsfreie Elektrobusse beschaffen und bauen gerade einen neuen Betriebshof für 240 Busse, der als erster Standort komplett auf emissionsfreie Antriebe ausgerichtet wird. Um das effizient zu gestalten, brauchen wir spezifische Software und Managementsysteme vom Buseinsatz bis zu den Batterie-Kapazitäten. Eine weitere Initiative ist der „Masterplan U-Bahn-System“, mit Erweiterungen der bestehenden Linien und der komplett neuen Strecke der U 5, die natürlich voll automatisch fahren wird – also digital.

Welche Möglichkeiten bietet die Digitalisierung für das Geschäft mit den Kunden?
Sehr große. Bis Ende dieses Jahres schon wollen wir unseren Kunden in 1000 Bussen WLAN anbieten. Ende 2018 werden wir alle 92 U-Bahn-Haltestellen an das Glasfaserkabelnetz angebunden haben. Aber das ist nur der Einstieg: Wir werden im Auftrag des Hamburger Verkehrsverbund (HVV) smarte Möglichkeiten des elektronischen Ticketing mit berührungslosen Kontrollfunktionen beim Einsteigen und Aussteigen aus unseren Fahrzeugen testen und aus heutiger Sicht zügig umsetzen. Darüber hinaus wird es uns gelingen, mit den Ist-Daten aus unserem täglichen Geschäft die Vertriebs- und Angebotsplanung näher an die Nachfrage heranzubringen.

Welche Rolle spielt Big Data bei Wartung und Instandhaltung?
Eine sehr große. In der Verkehrsbranche sind bereits Systeme im Einsatz, die die Fahrzeugtechnik im täglichen Betrieb detailliert überwachen und Störungen frühzeitig avisieren. Das bringt uns in Richtung des Ziels einer maximalen Verfügbarkeit unserer Flotten. Digitalisierung wirkt aber auch bei den anderen technischen Abläufen. Dank entsprechender Software können die Mitarbeiter via electronic devices alle notwendigen Prozesse rund um den Tausch von Teilen von der Bestellung bis zum Einbau optimal organisieren. Die vorausschauende Instandhaltung wird auch in unseren U-Bahnhöfen für Aufzüge, Fahrtreppe, Informationssysteme und vieles mehr Einzug halten.

Das alles klingt nach gewaltigem Investitionsaufwand.
Das stimmt. Das Geld geht vor allem in die Ausrüstung von Infrastruktur und Fahrzeugflotten. Ansonsten setzen wir auf Cloud-Lösungen und stellen uns keinesfalls große Server in den Keller. Der Aufwand wird sich, da bin ich sicher, im eingeschwungenen Zustand vergleichsweise schnell amortisieren.

Und woher bekommen Sie das Know-how für die digitale Transformation?
Das müssen wir uns zum Teil natürlich von außen holen und bekommen es dort auch. Mobilität ist ein zentrales Zukunftsthema, und das übt einen großen Reiz auf Computer-Experten aus. Wir sind mit unserer Branche nicht so unattraktiv, wie wir uns manchmal selbst sehen.

Bildnachweis: © Henrik Falk Buero 2016, Hamburger-Hochbahn