Wie barrierefrei ist Deutschland?

Wie barrierefrei ist Deutschland?

Barrierefreiheit als Grundvoraussetzung für die Teilhabe aller Menschen am gesellschaftlichen Leben ist noch lange keine Realität. Dr. Volker Sieger vom Institut für barrierefreie Gestaltung und Mobilität GmbH erklärt im Interview, wo der größte Handlungsbedarf liegt.

Dr. Volker Sieger, Institut für barrierefreie Gestaltung und Mobilität GmbH

Dr. Volker Sieger vom Institut für barrierefreie Gestaltung und Mobilität GmbH

Herr Dr. Sieger, Barrierefreiheit ist ein großes Ziel, das auch gesetzlich verankert ist. Was ist eigentlich gemeint, wenn von Barrierefreiheit gesprochen wird?
Das Behindertengleichstellungsgesetz definiert den Begriff der Barrierefreiheit eindeutig und umfassend. Es besagt, dass bauliche Anlagen, aber auch Verkehrsmittel oder Informationssysteme dann barrierefrei sind, wenn sie für Menschen mit Behinderung in der allgemein üblichen Weise, ohne besondere Erschwernis und grundsätzlich ohne fremde Hilfe zugänglich und nutzbar sind. Gestaltungsprinzipien, mit denen diese gesetzliche Vorgabe umgesetzt werden kann, sind beispielsweise die stufenlose Erreichbarkeit, die visuell und taktil kontrastreiche Gestaltung oder die Einhaltung des Zwei-Sinne-Prinzips.

Wie barrierefrei ist Deutschland derzeit?
Hier gibt es zum Teil große Unterschiede. Grundsätzlich gilt ja, dass bei Neubauten und umfassenden Modernisierungen Barrierefreiheit herzustellen ist. Im Umkehrschluss bedeutet dies aber auch, dass dort, wo aus welchen Gründen auch immer keine Baumaßnahmen erfolgen oder in den letzten Jahren erfolgt sind, nach wie vor nicht unerhebliche Barrieren existieren.

Wo sehen Sie mit Blick auf die Infrastruktur den größten Handlungsbedarf?
Handlungsbedarf besteht in nahezu allen Bereichen. Im öffentlichen Straßenraum etwa existiert ein Flickenteppich an barrierefreien Einzelmaßnahmen. Sind sie an der einen Kreuzung noch in der Lage, die Straße barrierefrei zu überqueren, gilt dies für die nächste Kreuzung schon nicht mehr. Aber auch im öffentlichen Personenverkehr wechseln sich häufig genug noch barrierefreie Haltestellen und Stationen mit nicht-barrierefreien ab.

Warum ist die Umsetzung aus Ihrer Sicht so schwierig?
Die Herstellung von Barrierefreiheit erfolgt ja nicht nach einem einheitlichen Plan. Sie können also nicht sagen, in zehn oder 20 Jahren werden wir dieses oder jenes erreicht haben. Die Herstellung von Barrierefreiheit ist in den meisten Fällen eine komplementäre Maßnahme. Wenn eine Kommune beispielsweise ihre Haushaltsmittel weniger für Infrastrukturmaßnahmen als für andere Dinge verwendet, bedeutet dies, dass auch weniger barrierefrei gebaut oder umgebaut wird. Die Herstellung von Barrierefreiheit hängt also unmittelbar damit zusammen, wie viele Mittel für entsprechende Bautätigkeiten überhaupt zur Verfügung stehen.

Gibt es auch positive Beispiele? Was wäre ein echtes Vorzeigeobjekt?
Positive Beispiele gibt es genug. Nehmen Sie etwa das Gelände der Bundesgartenschau in Koblenz. Solche positiven Beispiele geben Hoffnung. Dennoch wird es noch Jahre dauern, bis man in Deutschland tatsächlich von einer weitgehend barrierefreien Umwelt sprechen können wird.

Institut für barrierefreie Gestaltung und Mobilität (IbGM)

Das Institut für barrierefreie Gestaltung und Mobilität (IbGM) ist eine Forschungs-, Bildungs- und Beratungsgesellschaft. Das Hauptaugenmerk gilt den Bedürfnissen der rasant wachsenden Gruppe mobilitätseingeschränkter Menschen und der Herstellung umfassender Barrierefreiheit in Deutschland und Europa. Träger des Instituts ist der Sozialverband VdK Deutschland e. V.