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Stuttgart und München reformieren ÖPNV-Tarife

Die großen Verkehrsverbünde von Stuttgart und München wollen sich mit Tarifzonenreformen fit für die Verkehrswende machen. Der neue Zuschnitt der Preisstufen soll den ÖPNV übersichtlicher und attraktiver machen. Und möglichst auch billiger. Doch das gelingt vorerst noch nicht überall. Es gibt verbundspezifische Grenzziehungen, die Pendler und Kommunalpolitiker auf den Plan rufen.

Stuttgarts Oberbürgermeister Fritz Kuhn, zugleich Aufsichtsvorsitzender des Verkehrs- und Tarifverbundes Stuttgart (VVS), war voll des Lobes: „Die Reform macht den Öffentlichen Nahverkehr in Stuttgart so attraktiv wie nie zuvor. Es war höchste Zeit, das Tarifsystem des VVS übersichtlich zu machen. Mit diesem Meilenstein in der Entwicklung des VVS ist es einfacher und vor allem günstiger, Bahnen und Busse zu nutzen. Ich bin gewiss, dass jetzt noch mehr Menschen in Stuttgart und der Region umsteigen werden.“ Die Fahrten in den von Autoabgasen schwer belasteten Talkessel der baden-württembergischen Landeshauptstadt würden zum Teil um bis zu 30 Prozent günstiger. Der Grünen-Politiker Kuhn: „Das ist für die Partner ein finanzieller Kraftakt – und eine einzigartige Investition in die nachhaltige Mobilität unserer Bürger.“ Auch sein Parteifreund, Landesverkehrsminister Winfried Hermann, äußerte sich fast überschwänglich: „Die Region Stuttgart und insbesondere die Landeshauptstadt sind mit Feinstaub und Stickoxid belastet, die Grenzwerte werden nach wie vor überschritten. Daher nehmen wir die VVS-Tarifzonenreform in den Luftreinhalteplan auf und unterstützen das Vorhaben auch finanziell.“

Weniger Tarifzonen – weniger Einnahmen
Ab 1. April 2019 wird sich die Zahl der Tarifzonen in Stuttgart und den vier Verbundlandkreisen von 52 auf nur noch fünf Ringzonen reduzieren. Die derzeitigen Tarifzonen 10 und 12 im Talkessel werden dann zu einer Zone zusammengefasst. Davon profitieren werden Pendler ebenso wie die Gelegenheitskunden mit dem Einzelticket: Viele Fahrgäste befahren künftig weniger Zonen und müssen weniger fürs Ticket bezahlen als bisher. Günstiger und neu sortiert werden auch die Tagestickets. Die Mindereinnahmen muss der Steuerzahler ausgleichen. 42 Millionen Euro übernimmt für sechs Jahre das Land, das selbst VVS-Gesellschafter ist. Minister Hermann erklärt die Großzügigkeit: „Wir wollen mit dem neuen VVS-Tarif einen starken Anreiz zum Umstieg auf die Bahnen und Busse setzen und damit einen Beitrag zur Verringerung der Luftschadstoffe leisten. Er ist einfacher, günstiger und umweltfreundlicher.“ Die Verbundlandkreise werden pro Jahr weitere 18 Millionen Euro beisteuern, Stuttgart selbst muss 15 Millionen jährlich zum Ausgleich der sinkenden Fahrgeldeinnahmen übernehmen.

„Öfter öffentlich fahren lohnt sich“, es gibt „mehr fürs Geld“, und die Tickets werden „so einfach und schnell gelöst wie nie“ – das sind die Maximen, mit denen der Münchner Verkehrsverbund (MVV) seine Tarifzonenreform den Kunden und der Kommunalpolitik schmackhaft machen will. Wie in Stuttgart bedeutet auch in München die Tarifreform eine systematische Neugestaltung des MVV-Tarifs und damit die umfangreichste Weiterentwicklung seit seiner Einführung zur Verbundgründung im Olympiajahr 1972. Das Verkehrsgebiet soll sich künftig aufteilen in sieben Zonen mit der Zone M im Mittelpunkt – das erweiterte Stadtgebiet München und einige Anrainer-Gemeinden. Die Maximen der Reform will der MVV zunächst dadurch erreichen, dass er Vielfahrer belohnt. So sollen Monatskarten preiswerter angeboten oder in der neuen Zonen-Logik deutlich günstiger werden. Der Rabatt der Streifenkarte wird von 3,5 auf 15 Prozent angehoben. Und im Gegenzug sollen Einzel- und Tagestickets teurer werden. Locken will der Verbund auch mit der Zone M und dem attraktiven Angebot, mit Zeit- und Einzeltickets das gesamte Stadtgebiet zu einem Preis durchfahren zu können. Wie es im Münchner Stadtrat hieß, lässt sich die Kommune dies bis zu 40 Millionen Euro pro Jahr zum Ausgleich von Mindereinnahmen kosten.

Zonengrenzen produzieren Ärger
Die Grenzziehung der Zone M hat sich den letzten Wochen jedoch zum politischen Ärgernis entwickelt. Insbesondere die Kommunen in der verkehrsreichen, hoch industrialisierten Region nördlich der Münchner Stadtgrenzen kritisieren ihre „Abschiebung“ in die Zone 2, also außerhalb des Münchner Stadtgebiets. Das macht den ÖPNV nach ihrer Ansicht für Pendler unnötig teuer – nicht nur für Berufstätige, die in die Stadt München hineinfahren, sondern auch für Münchner, die ihre Arbeitsplätze in Unterschleißheim – mit 30.000 Einwohnern und 16.000 Arbeitsplätzen größte Stadt im Landkreis München – und den angrenzenden Gemeinden haben. Auch anderswo sorgt die Zonenziehung für Unmut, weil sie neue und damit teure Grenzen auf bewährten Pendlerwegen schafft. Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) hatte stolz erklärt: „Wir haben heute gemeinsam eine Reform beschlossen, die allen Fahrgästen zugutekommt.“ Sein Parteikollege Christoph Böck (SPD), Bürgermeister von Unterschleißheim, sieht das ganz anders: „Das trägt nicht dazu bei, Verkehr auf die Schiene zu bekommen.“

Im Juni 2019 soll das neue Konzept in Betrieb gehen. Doch zuvor muss die Politik ihr Placet geben: der Freistaat, die Stadt München und acht Landkreise. Der Stadtrat in München hat es schon getan, andere Gebietskörperschaften im MVV-Bereich auch. Doch erst im Herbst wird es endgültige Klarheit geben. Etliche Verweigerer haben sich bereits erklärt. Und auch Landrat Christoph Göbel (CSU) vom Landkreis München äußerte sich in der Lokalpresse nicht eben begeistert: „Der große Wurf ist es nicht.“

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