ÖPNV-Umfrage: Klimaschutz braucht mehr Marktanteile

ÖPNV-Umfrage: Klimaschutz braucht mehr Marktanteile

In den Ballungsgebieten sind Busse und Bahnen in den Spitzenzeiten gefüllt bis zum letzten Stehplatz, in ländlichen Regionen nutzen 60 Prozent der Bevölkerung den Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) so gut wie nie. Im Interesse des Klimaschutzes wollen die Verkehrsunternehmen in Stadt und Land ihren Marktanteil deutlich erhöhen und fordern dazu von der nächsten Bundesregierung einen nationalen Masterplan.

Trotz randvoller Auslastung zu Hauptverkehrszeiten in den Großstadtregionen kommt der ÖPNV bei bundesweiter Betrachtung lediglich auf einen Marktanteil von durchschnittlich 15 Prozent. „Hier ist noch sehr viel Luft nach oben“, konstatierte Jürgen Fenske, Präsident des Verbandes Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) und Chef der Kölner Verkehrsbetriebe (KVB), auf der VDV-Jahrestagung in Dresden. Er forderte von der nächsten Bundesregierung für eine „nationale Nachhaltigkeitsstrategie“ die Aufstellung eines nationalen Masterplans, um durch entsprechende Infrastrukturinvestitionen den Verkehrsanteil von Bussen und Bahnen bis 2030 auf 25 Prozent auszubauen. Das sei „das Gebot der Stunde“ angesichts der weltweit gesteckten Ziele beim Klimaschutz: „Die Veränderung des Modal Split ist der entscheidende Schritt zur Verkehrswende.“

Die Finanzierungstöpfe für den Erhalt und den Ausbau der Verkehrsinfrastruktur seien bekanntlich chronisch unterfinanziert. Das „hält nicht stand mit dem, was wir brauchen“, und sei das Gegenteil einer Klimaschutzpolitik. „Wir brauchen weniger Worte, sondern mehr Taten“, mahnte Fenske eindringlich an die Adresse der Politik. „Große Sorgen mache sich die Branche derzeit um den Fortbestand der Entflechtungsmittel. In diesem Zusammenhang warnte der VDV-Präsident auch davor, die Zweckbindung dieser Mittel zugunsten einer pauschalen Verteilung der Gelder aufzuheben. „Das hätte für die Finanzierung des Öffentlichen Verkehrs große Konsequenzen“, sagte er. Schlimmstenfalls drohe ein Verteilungskampf.

In der Ära von Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) in der letzten Legislaturperiode sei erstmals die Idee eines nationalen Masterplans für Verkehrsinfrastruktur und Mobilität aufgekommen. Unter Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU), so Fenske, „kenne ich keine aktuelle Diskussion zu diesem Thema“. Auch der neue Bundesverkehrswegeplan (BVWP) habe nicht den erhofften Paradigmenwechsel gebracht. „Es gibt viele kluge und richtige Ansätze. Aber der Beginn der auch unter Klimagesichtspunkten zwingend erforderlichen Verkehrswende ist es nicht.“

Betroffen zeigte sich VDV-Hauptgeschäftsführer Oliver Wolff über die geringe ÖPNV-Nachfrage im ländlichen Raum. Dies sei neben der Situation in den Ballungsräumen „eine der ganz großen Herausforderungen“ für die Branche. „Wir müssen Konzepte diskutieren, wie wir dem Bürger mehr Mobilität anbieten können“, betonte Wolff. Die von TNS Infratest im Auftrag des VDV durchgeführte Befragung „ÖPNV im Urteil der Bevölkerung“, die der Verband alle fünf Jahre durchführen lässt, unterstrich die hohe Bedeutung von Bus und Bahn in den Großstädten: Fast jeder vierte Bewohner nutzt täglich den ÖPNV, bei den unter 30-jährigen ist es sogar schon jeder Dritte. Gelassen beobachten die Verkehrsunternehmen einen weiteren Trend: In den Ballungsgebieten setzt sich die Hälfte der Bevölkerung täglich aufs Fahrrad statt in Bus und Bahn. Der Umweltverbund von ÖPNV und Rad sei eine, so Wolff, Entwicklung „wegweisend für die Zukunft“. Ganz allgemein herrscht der Umfrage zufolge das Bewusstsein, dass der Nahverkehr umweltfreundlich ist, Klimaschutz und Ressourceneffizienz vorantreibt.

Mit Interesse nahm der Verband zur Kenntnis, dass 43 Prozent des repräsentativen Querschnitts Car Sharing zum ÖPNV-Angebot hinzurechnen. „Es steht in der Wahrnehmung damit auf Platz 1 unter den Innovationen der Branche, gleichauf mit den Online-Ticketangeboten“, sagte Wolff. Das erstaunliche Ergebnis zeige, „welch enormes Potenzial die ÖPNV-Branche bei der Verknüpfung von verschiedenen Mobilitätsangeboten unter ihrem Dach bietet. Hier sind wir auf einem richtig guten Weg zum umfassenden städtischen Mobilitätsanbieter.“

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