Bildnachweis: © Moia

Nahverkehr auf digitale Bestellung

Digitalisierung und Klimaschutz werden den Mobilitätsmarkt und speziell den ÖPNV in wenigen Jahren tiefgreifend verändern. Die Verkehrsunternehmen müssen sich auf neue Angebotsformen und möglicherweise auf harte Konkurrenz von digitalen Newcomern einstellen. Auf einem Symposium der VDV-Akademie empfahlen Experten der Branche, neue Herausforderungen mutig, schnell und am besten mit gebündelter Innovationskraft anzunehmen.

Ein im Hamburger Tagungshotel hinter den Stuhlreihen geparkter Kleinbus mit markantem Außendesign und komfortablem Innenleben war symbolhaft das Zeichen der neuen Zeit: Nur Eingeweihte erkannten den VW-Konzern als Gestalter dieses Fahrzeugs – an ihm prangt statt des bekannten Logos der Name Moia. Dahinter verbirgt sich das Start-up, mit dem die Wolfsburger Autobauer in aller Welt in den neuen, digital gesteuerten Nahverkehrsmarkt einsteigen wollen. Mit dem neudeutsch so genannten Ride Pooling: Es ist die zukünftige – und dank Elektroantrieb klimafreundliche – Variante des guten alten Rufbusses, der nun nicht mehr über Telefon, sondern via App und Algorithmen vom Kunden „on demand” angefordert, also bestellt wird. Und der dann blitzschnell mehrere ähnliche Reisewünsche kostengünstig zur optimalen Route kombiniert.

Überzeugte Autofahrer zum Umsteigen bringen
Die Hamburger Hochbahn will den „Moia Shuttle” vier Jahre lang testen, mit zunächst 100 bis 200 Fahrzeugen, in der Endstufe mit rund 1.000. Die Zielrichtung ist für Hochbahn-Chef Hendrik Falk klar: Er will überzeugte Autofahrer zum Umsteigen bringen – in einen ÖPNV mit erhöhter Komfortstufe: „Jemanden mit der Porsche-Denke bekomme ich nicht in Bus oder Bahn”, sagte Falk auf der Akademie-Tagung. Komfort ist denn auch für Moia-Manager Robert Henrich das A und O. Nur sechs Einzelsitze im geräumigen Kleinbus sollen „Privatheit” im edel gestalteten Innenraum suggerieren, eine große automatische elektrische Tür beschleunigt Stopps mit Fahrgastwechseln. Gehalten wird an „virtuellen Haltestellen”: Dafür ist der Testraum in der Hansestadt im Rechner mit einem dichten Netz von potenziellen Ein- und Ausstiegspunkten überzogen, außerhalb echter Haltestellen und Taxi-Plätze. Kein Fahrgast soll weiter als 250 Meter laufen müssen. Natürlich muss er mehr Fahrpreis über seine App abbuchen lassen als für den Linienverkehr. Wieviel exakt, wird noch kalkuliert: „Irgendwo zwischen ÖPNV und Taxi” wird der Preis logischerweise liegen, sagte Henrich: „Das wirtschaftlich hinzubekommen, ist nicht einfach.”

Am bestehenden ÖPNV-Angebot wird die Hochbahn nichts ändern, denn selbst 1.000 Test-Shuttles sind für das Verkehrsaufkommen in der Hansestadt nicht viel mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein – gerade ein Prozent des Marktanteils von Bussen und Bahnen. Aber: Je mehr Umsteiger zu gewinnen sind, desto geringer wird der Anteil des motorisierten Individualverkehrs auf Hamburgs Straßen. Falk hat hohe Ziele: „Wir müssen ein System schaffen, das die individuelle Mobilität zurückdrängt.” Eine Nummer kleiner wollen es die Stuttgarter Straßenbahnen (SSB) versuchen. Ab Juni starten sie in mehreren Stadtbezirken einen Testbetrieb gemeinsam mit dem Technologie-Lieferanten moovel Group als klassische Ergänzung zum bestehenden Netz: Zum einen soll nachfrageschwacher Abendverkehr durchs Pooling ergänzt werden, zum anderen geht es um die Abdeckung „weißer Flecken” im Liniensystem, die in Stuttgart durch die schwierige Topografie schwer zu bedienen sind, beschrieb SSB-Marketingchef Markus Raupp das Vorhaben auf der Tagung. Natürlich wolle man auf diese Weise neue Fahrgäste gewinnen – mit zunächst zwölf herkömmlich motorisierten Vito-Kleinbussen und zwei B-Klasse-Pkw mit Elektroantrieb von Daimler-Benz. Der Besteller wird ebenfalls nicht „door to door” befördert, soll aber nur kurze Fußwege zu seinem Transportmittel haben. Über ein Netz „kleingliedriger Tarifzonen” wird abgerechnet, mit kleinem Aufpreis gegenüber dem Standardtarif, Stammkunden mit Zeitkarten bekommen einen zusätzlichen Rabatt. „Wir wollen kein neues Drittgeschäft, wir verstehen das On-Demand-Angebot als Teil unseres Auftrags”, betonte Raupp.

Testbetrieb für Nachtschwärmer
„Wir kämpfen um jeden Fahrgast”, sagte Carolin Höhnke vom Stadtverkehr Lübeck. Das Modell „LÜMO” soll drei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Es bietet im Testbetrieb von Haus zu Haus ein zusätzliches ÖPNV-Angebot für Nachtschwärmer in den Wochenend-Nächten, es ersetzt schlecht ausgelastete Liniendienste, und es versteht sich als komfortables „Premium-Angebot”. Die Investitionen halten sich in Grenzen: Eingesetzt werden Dienstwagen des Unternehmens mit Elektroantrieb, die nachts nicht gebraucht werden. Und die komplexe Rechner-Technik kaufte Lübeck beim Start-up Clevershuttle ein. Solch ein Know-how-Transfer ist auch im Sinne des Providers, der in vier deutschen Großstädten mit rund 100 Elektrofahrzeugen über reichlich Erfahrung verfügt. Clevershuttle-Chef Bruno Ginnuth: „Lokale, tief verwurzelte Partner sind einfach die besseren Betreiber.” Das sah auch Pierre Hilbig, Leiter des Verkehrsmanagements der Duisburger Verkehrsgesellschaft DVG so. Ähnlich wie in Stuttgart startet dort der Einstieg – gemeinsam mit dem Technologie-Unternehmen door2door – ins Ride Pooling als Substitution schwach genutzter Linienverbindungen. „Wir bedienen die komplette Mobilität, wir sind die Profis im lokalen Verkehr”, betonte Hilbig – und machte deutlich, dass ein Edel-Angebot à la Moia im armen Duisburg keine Chance hätte.

Mobilität als Ganzes sehen – das war das Plädoyer von Markus Pellmann-Jansen, Leiter Geschäftsentwicklung und Verkehrsplanung bei DB Regio Bus und den Aktivitäten des bahneigenen Start-ups ioki. Individualverkehr und öffentlicher Verkehr würden durch die Möglichkeiten der Digitalisierung zusammenwachsen, war sein Szenario. Zwar werde es in den Ballungsgebieten weiterhin die starken Verkehre auf festen Linien geben, doch in den ländlichen Regionen habe der Busverkehr nach Fahrplan auf Dauer keine Zukunft. Die Branche müsse sich zu Pooling-Lösungen zusammentun, statt einzeln vor sich hin zu probieren, forderte Pellmann-Jansen. Die Bahntochter ioki wolle für die Branche als Dienstleister und Systemlieferant in allen Spielarten bereitstehen. „Wir müssen den riesigen MIV-Markt gemeinsam abgreifen.” Ride Pooling biete die Chance, die systembedingten Schwächen des ÖPNV beseitigen, erklärte Tobias Schönberg, Partner von Roland Berger. Die On-Demand-Systeme müssten dafür in den ÖPNV integriert werden, damit ein vernetztes System entsteht. „Wir müssen die Leute dazu bringen, dass sie kein Auto mehr kaufen. Seine Warnung aber: „Branchenfremde Anbieter sehen das häufig ganz anders. Sie wollen den bestehenden ÖPNV schlicht kannibalisieren.”

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