Bildnachweis: © MOIA

Mit schicken Vans in die Verkehrswende

Vor wenigen Jahren noch waren Begriffe wie „Ride Sharing“ oder „On Demand“ nur Insidern bekannt. Mit dem Siegeszug des Smartphones aber sind sie weithin geläufig geworden und stehen landauf, landab für neue, möglichst emissionsfreie Mobilität. Modelle unterschiedlicher Art werden derzeit in etlichen Städten getestet. Richtig groß einsteigen in einen Regelbetrieb wird als erstes Hamburg.

Die Freie und Hansestadt hat vor wenigen Wochen der Volkswagen-Tochter MOIA als erstem Unternehmen in Deutschland die Konzession für ein Nahverkehrsangebot erteilt, das in herkömmlicher Sprache als Sammeltaxi mit einem digitalen Bestellsystem via App bezeichnet werden kann. Das ist bundesweit das erste Ride Sharing Projekt, das in einen Regelbetrieb starten soll. MOIA – ein Kunstwort in Versalien mit einem „A“ ohne Querstrich, dessen beide äußere Buchstaben auf dem Kopf stehend deshalb als V und W gelesen werden können – wird voraussichtlich ab Jahresbeginn 2019 zunächst 200, dann nach der Startphase 500 und in zwei Jahren noch einmal so viel Vans mit elektrischem Antrieb in der Hansestadt einsetzen. Erst mit einer hohen Anzahl von Fahrzeugen lässt sich nach Einschätzung von MOIA das für das digitale Sammeltaxi erforderliche „Pooling“ von Fahrten wirtschaftlich sinnvoll verwirklichen.

Die jüngste VW-Bus-Generation soll sich durch hohen Komfort auszeichnen: Sechs Leder-Einzelsitze mit reichlich Beinfreiheit, dimmbare Leselampen, WLAN, ausreichend Platz für Gepäck. Denn die Konkurrenz schläft nicht. Mit Clever Shuttle gibt es nicht nur in Hamburg, sondern auch in einer Reihe weiterer Großstädte bereits ein dem Taxi sehr nahes Sammeltaxi-Produkt, für das Limousinen mit Elektroantrieb eingesetzt werden. Bei MOIA wird der Wettbewerb sportlich gesehen. „Das ist ein junger Markt mit durchaus verschiedenen Ansätzen. Wir alle aber wollen die Verkehrswende schaffen“, beschreibt ein Unternehmenssprecher.

Fahrten geschickt bündeln
Auch in anderen Städten formiert sich der Einstieg in neue Mobiltätslösungen. Beispielsweise gibt der Daimler-Konzern in Berlin den „Berlkönig“, gemeinsam mit der BVG. „Wir bündeln Fahrten und sorgen damit für weniger Verkehr, weniger Lärm und weniger Emissionen in unserer Stadt“, erwartet BVG-Chefin Sigrid Nikutta. Mit 50 Fahrzeugen geht das Angebot an den Start. Es ist aber ein System, das der Verkehrswende in Richtung Klimaschutz nur bedingt dient: Die eingesetzten Kleinbusse mit dem Stern haben Diesel-Antriebe. Den Van-Einsatz mit Shuttle-Verbindungen „on demand“, auf Bestellung also, bietet der Stuttgarter Konzern schon in mehreren US-Großstädten und hat Mitfahrdienste auch für London angekündigt. Daneben gibt es bei den kommunalen Verkehrsbetrieben diverse Variationen des guten alten Rufbusses, zum Beispiel in Duisburg bei der DVG genauso wie in Stuttgart bei der SSB. Hier wird die Nachfrage außerhalb der Liniennetze dank digitaler Steuerung optimiert, und die Kleinbusse auf Bestellung fahren als Ergänzung des fahrplanmäßigen ÖPNV.

Von den Taxi-Unternehmen in Hamburg argwöhnisch beäugt, hat MOIA weder Droschkenkutscher noch Bus- und Bahn-Kunden als vielmehr den individuellen Autofahrer im Blick, den motorisierten Individualverkehr (MIV). Mit der komfortablen Transportmöglichkeit soll in erster Linie jene Zielgruppe angesprochen werden, die trotz Staus und Parkplatznöten nicht zum Umsteigen in den ÖPNV zu bewegen ist. Der Großversuch mit in der zweiten Phase 1.000 Elektro-Kleinbussen muss nach dem Willen der Politik zeigen, ob es tatsächlich gelingen kann, im Interesse des Klimaschutzes einen nennenswerten Anteil des MIV aus den Zentren und von den überlasteten Verkehrsachsen zu verbannen. Hamburg hat als erste deutsche Großstadt umweltbedingt auf zwei Straßen seit Anfang Juni partielle Fahrverbote für Autos mit älteren Dieselmotoren ausgesprochen.

Die Hamburger HOCHBAHN als kommunales Verkehrsunternehmen hat weder Berührungsängste noch Kannibalisierungsfurcht – eher das Gegenteil: „Wir müssen als Branche doch schlicht zur Kenntnis nehmen, dass unsere Angebote im klassischen ÖPNV-Bereich, so gut sie auch waren und sind, für viele Menschen, die in bestimmten Lebenssituationen den privaten Pkw nutzen, keine wirkliche Alternative darstellen. Ride Sharing Angebote wie MOIA, die sich deutlich näher an der klassischen Pkw-Nutzung orientieren, könnten da viel stärker eine Alternative für diese Klientel darstellen und so eine ideale Ergänzung zum klassischen ÖPNV werden“, sagt HOCHBAHN-Chef Henrik Falk. „Erst wenn wir dieses Zusammenspiel nach vorn perfektionieren und ausweiten, werden wir eine wirkliche Alternative zum Pkw ohne Verlustgefühle anbieten können und damit die Tür zu einer echten Mobilitätswende aufstoßen.“ Das Verkehrsunternehmen geht weder eine unternehmerische Kooperation noch ein finanzielles Engagement ein, steht aber in einem engen Austausch mit der VW-Tochter.

Ohne große Zeitverluste ans Ziel
Wie der Linienbus werden die smarten Vans ihre Kunden nicht vor der Haustür abholen. Sie sollen Haltestellen anfahren, allerdings keine mit einem grünen H im gelben Grund, sondern „virtuelle“ Punkte außerhalb der HOCHBAHN-Halte, die nur auf der Besteller-App zu erkennen sind. Erreicht werden soll dabei, dass jeder Kunde nicht mehr als höchstens 200 Meter Fußweg von seinem Startpunkt zu seinem Kleinbus hat. Und natürlich muss er sich das Fahrzeug mit anderen Kunden teilen – das Prinzip des Sammeltaxis. Die hohe Kunst des „Pooling“ der Kunden wird Sache eines Algorithmus sein: Der muss die Fahrtwünsche so bündeln, dass die Passagiere ohne allzu große Umwege, also ohne Zeitverluste, ihr Ziel erreichen. Getestet wird das mit einer kleinen Fahrzeugflotte weit unter 100 Vans derzeit in Hannover. Auch dort hat MOIA nach eigenem Bekunden einen Konzessionsantrag – für dann 250 Pool-Fahrzeuge – gestellt und hofft auf einen Start noch in diesem Jahr.

Viele Fragen rund um das Ride Sharing sind noch offen. So gibt es in Hamburg Vorstellungen, die MOIA-App in die in den letzten Jahren entwickelte App „Switchh“ zu integrieren. Diese bietet übergreifend den Zugang zu sämtlichen Mobilitätsangeboten in der Hansestadt von Bus, Bahn über Car- und Shuttle-Sharing bis zum Miet-Fahrrad. Man sei „intensiv im Gespräch“, sagt der MOIA-Sprecher. Auch über den Preis der Mofa-Dienstleistung gibt es noch keine öffentlich gemachten Erkenntnisse. Klar ist nur: Die Tour wird weniger kosten als im Taxi, aber sicherlich mehr als im Tarif des Hamburger Verkehrsverbundes HVV. Überlegungen, gemeinschaftliche Angebote etwa für Stammkunden mit Abo-Ticket zu entwickeln, werden nach Aussagen der Beteiligten derzeit nicht angestellt – noch nicht. Der MOIA-Sprecher: „Wir konzentrieren uns jetzt erst auf die Startphase. Wir müssen erst einmal einen Betriebshof für die Flotte aufbauen, mit der gesamten elektrischen Versorgungsinfrastruktur. Und außerdem müssen wir sehen, dass wir genügend Fahrer einstellen.“ Versteht sich: Fahren werden die kleinen E-Busse ausschließlich Profis mit Personenbeförderungsschein.

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