Bildnachweis: © Westfälische Verkehrsgesellschaft mbH (WVG), Regionalverkehr Ruhr-Lippe GmbH (RLG)

Mit einer App quer durchs ganze Deutschland

Mit nur einer App eine durchgehende Reisekette mit Bus und Bahn quer durch Deutschland planen, buchen und bezahlen – das steuern die deutschen Verkehrsunternehmen mit ihrer gemeinsamen digitalen Plattform für den Nah- und Fernverkehr an. Die dafür ins Leben gerufene Vernetzungsinitiative „Mobility inside“ nimmt Gestalt an: Neun Unternehmen und Verkehrsverbünde haben in einem „Letter of intent“ die Führungsrolle in dem Projekt übernommen.

Die Albtal-Verkehrs-Gesellschaft, BOGESTRA, Deutsche Bahn, Stadtwerke Dortmund, Leipziger Verkehrsbetriebe, Münchner Verkehrsgesellschaft, Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV), Rhein-Neckar-Verkehr GmbH und Stuttgarter Straßenbahnen sind als Initiatoren angetreten, um gemeinsam die technisch und rechtlich durchaus komplexe Umsetzung einer multimodalen und bundesweit flächendeckenden Plattform für den Öffentlichen Personenverkehr voranzubringen. Ihr Ziel: Mobilität mit Bus und Bahn einfach machen für den Kunden – damit er alle Verkehrsmittel auf seinem Reiseweg problemlos kombinieren kann, vom Miet-Fahrrad über Bus und Tram bis hin zum ICE.

Prof. Knut Ringat, Geschäftsführer des RMV und Vizepräsident des Verbandes Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) beschreibt die Zielsetzung: „Unsere Fahrgäste wollen einfach und komfortabel von A nach B, aber in Deutschland haben wir Dutzende Verbund- und Unternehmenstarife. Wenn jemand quer durchs Land reist, muss er viele Apps nutzen, um für jeden Abschnitt die richtige Fahrkarte zu kaufen. ,Mobility inside‘ ist eine Plattform, die über Schnittstellen auf die Tarife zugreift und am Ende des Monats dem Fahrgast eine Gesamtrechnung über alle Fahrten ausstellt.“ In Zukunft solle die Plattform zudem weitere Services des Alltags integrieren, über Mobilitätsdienstleistungen hinaus etwa auch Hotel- und Restaurantbuchungen.

Die Transformation selbst angehen
VDV-Hauptgeschäftsführer Oliver Wolff macht deutlich, wie wichtig das Vorhaben für den Öffentlichen Personenverkehr ist: Schaffe es die Branche auf absehbare Zeit nicht, eine flächendeckende und durchgängige E-Ticket-Lösung zu entwickeln, werde die EU den Markt für branchenfremde Plattformen öffnen. Was das dann bedeutet, würden die externen Buchungssysteme für den Hotelsektor oder auch in der Luftfahrt schon seit Jahren deutlich zeigen: „Unsere Unternehmen würden zu reinen Lohnkutschern ohne Gestaltungsmöglichkeiten und müssten die Ticketeinnahmen mit den Plattformen teilen. Deswegen ist ‚Mobility inside‘ unsere letzte Chance, die digitale Transformation selbst anzugehen und ‚der‘ Komplettanbieter für öffentliche Mobilität zu bleiben.“

Die Projektleitung teilen sich die VDV-Tochter INFRA Dialog Deutschland GmbH sowie die RMV-Tochter Rhein-Main-Verkehrsverbund Servicegesellschaft. Auch die Gründung einer Management-Gesellschaft für den Aufbau der Branchenplattform ist mit dem Engagement der neun Unternehmen auf den Weg gebracht, berichtet Till Ackermann, Fachbereichsleiter Volkswirtschaft und Business Development beim VDV. Ziel sei es nun, eine Plattform-Architektur zu schaffen, die jedes Verkehrsunternehmen nach eigenem Bedarf einsetzen kann, um seinen Kunden ein durchgängiges digitales Angebot zu bieten. Die Plattform arbeitet dabei im Hintergrund und vernetzt unter anderem die existierenden Anwendungen der teilnehmenden Verkehrsunternehmen miteinander. Nach außen nutzt der Kunde weiter die App seines vertrauten ÖPNV-Anbieters vor Ort.

Einzellösungen vermeiden
Die Unternehmen sollen sich „Mobility inside“ problemlos anschließen können – ohne sich eine Plattform über eine Ausschreibung suchen zu müssen. „Das würde nämlich schnell zu einer Vielzahl von Einzellösungen führen und genau das wollen wir vermeiden“, erklärt Ackermann. Um das komplizierte Vergaberecht mit seinen öffentlichen Ausschreibungen juristisch sauber umgehen zu können, sei eine spezielle Konstruktion gewählt worden: Die neun sogenannten „First Mover“ werden rechtlich zu Komplementären einer GmbH & Co. KG. Weitere Verkehrsunternehmen können sich als Kommanditisten engagieren. Kleinere Betriebe, die sich nur in geringem Maße beteiligen wollen oder können, sollen über einen Teilnahmeverein eingebunden werden. „Das ist vergaberechtlich wirklich komplex, aber die sogenannte Inhousefähigkeit ist eine zentrale Voraussetzung für unsere gemeinsame Plattform“, beschreibt Ackermann. „Grundsätzlich kann man sagen: Die geplante Gesellschaft muss jedem gehören, der mitspielen will.“ Gleich welche Option gewählt wird: Die jeweilige Unternehmensmarke bleibt immer der Absender des gemeinsamen Services. Auch die Tarifhoheit obliegt weiter den ÖV-Unternehmen.

Für die technische Weiterentwicklung von „Mobility inside“ komme es darauf an, die „Fläche zu befähigen“, erklärt Martin Weis, Technischer Projektmitarbeiter für „Mobility inside“ bei INFRA. Das System müsse auch im ländlichen Raum funktionieren, von dort aus Echtzeitinformationen liefern und diese mit den Daten aller anderen Verkehrsunternehmen bundesweit zusammenbringen. Ein Pilotversuch in Bayern soll dafür weitere Erkenntnisse bringen. Die Ergebnisse sollen dann möglichst kurzfristig auf ganz Deutschland angewendet werden. Denn, so Prof. Ringat: „,Mobility inside‘ ist eine wesentliche Antwort auf die aktuelle Forderung nach einem Deutschland-Tarif, weil die Plattform ein Ticket aus einer Hand bietet, das bundesweit gekauft werden kann.“

Bildnachweis: © Westfälische Verkehrsgesellschaft mbH (WVG), Regionalverkehr Ruhr-Lippe GmbH (RLG)

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