Bildnachweis © so-bewegt-sich-deutschland.de | Telefónica Next

Mit Handy-Daten Verkehr besser lenken

In TV-Krimis kommen die Fahnder dem Übeltäter immer häufiger mit Daten von seinem Handy auf die Spur. Auch Verkehrsplanung und Verkehrslenkung können die wachsende Informationsflut aus der mobilen Kommunikation für ihre Zwecke nutzen und mit ihnen Angebote optimieren, auf der Straße wie im ÖPNV. Erste Ansätze gibt es bereits.

Die interaktive Deutschlandkarte erinnert, je nach Fantasie, an einen Himmel voller Sternschnuppen oder einen hoch aktiven Ameisenhaufen. Unablässig wimmeln kleine weiße Symbole in der Form von Tropfen kreuz und quer auf blauem Untergrund innerhalb des vertrauten Umrisses der deutschen Grenzen. Was auf den ersten Blick wie reines Chaos wirkt, zeigt beim näheren Hinsehen Regelmäßigkeit in puncto Richtung und Häufigkeit: Morgens zum Beispiel bewegen sich ganz viele Symbole auf die großen Ballungszentren zu. Nachmittags herrscht die Gegenrichtung vor, und das Gewimmel verteilt sich im Umland – erkennbar werden typische Pendler-Verkehrsflüsse.

Täglich fünf Milliarden Daten
„So bewegt sich Deutschland” hat der Mobilfunkanbieter Telefónica Deutschland, der mit 48 Millionen Kunden mobiler Endgeräte Marktführer in diesem Segment des Telekommunikationsmarktes ist, seine Deutschlandkarte überschrieben. Sie basiert auf den Mobilfunkdaten seiner Kunden – auf Informationen, die nicht nur beim Telefonieren und Surfen, sondern auch beim Marsch durch die unsichtbaren Mobilfunkzellen im Land Spuren hinterlassen; laut Telefónica kommen so tagtäglich fünf Milliarden Datenpunkte zusammen. Die sind natürlich anonymisiert: Ein dreistufiges, vom TÜV zertifiziertes Verfahren sorgt dafür, dass mit Sicherheit keine individuellen Bewegungsprofile erstellt werden. Für die Verkehrsplanung oder -steuerung ist die Masse auch interessanter als das Bewegungsverhalten einzelner. Schon die wuselnde Deutschlandkarte gibt den Experten viele Erkenntnisse. Zum Beispiel, dass in Deutschland an einem durchschnittlichen Wochentag 161 Millionen Fahrten über zwei Kilometer Länge angetreten werden. Aus der Karte lässt sich weiterhin ermitteln, dass die Bewohner von Mecklenburg-Vorpommern die weitesten Pendlerwege auf sich nehmen oder dass die Bürger von Brandenburg und Sachsen-Anhalt am frühesten im Bundesländervergleich – noch vor 7 Uhr – in ihre Rush-Hour starten. Die Erkenntnisse von den Bewegungen, die in einer Woche im März 2017 aus den Mobilfunk-Daten berechnet wurden, lassen sich zudem spezifizieren für einzelne Postleitzahlgebiete. Ein Schönheitsfehler der Untersuchung: Sie kann zwar Flug- und Landverkehr differenziert darstellen, doch lassen sich nur schwer Rückschlüsse auf Individual- und öffentlichen Verkehr ziehen.

„Big Data ist ein abstraktes Thema. Mit ,So bewegt sich Deutschland’ haben wir unsere anonymisierten Datenströme zum ersten Mal erlebbar gemacht“, erklärt Jens Lappoehn, Geschäftsführer bei der Digital-Tochter Telefónica NEXT. Über den Demonstrationseffekt hinaus sieht das Fraunhofer Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO in den Daten aus den mobilen Netzwerken wertvolle Hilfen beispielsweise im ÖPNV für eine bedarfsorientierte Planung von Linienführungen und Haltestellen oder zur effizienten Verkehrssteuerung etwa bei Großereignissen wie Volksfesten oder Sportereignissen mit hohen Besucherzahlen. Ausgestattet mit Echtzeit-Informationen könnten die Verkehrsunternehmen zudem ihre Flotten unter Berücksichtigung der zur Verfügung stehenden Kapazitäten großer und kleiner Fahrzeuge stärker an die tatsächliche Nachfrage anpassen. Mit dynamischen Daten ließe sich nach Auffassung der Wissenschaftler auch eine den Mobilitätsbedürfnissen besser entsprechende Fahrplan-Gestaltung mit kürzeren Fahrplan-Perioden erstellen.

„Pro Train” für volle Züge
Ein konkreter Anwendungsfall wird von diesem Jahr an zwischen Berlin und der Ostsee in die Testphase gehen. Im Projekt „Pro Train” will DB Regio herausbekommen, wie sich Fahrgastströme in besonders stark ausge- und überlasteten Zügen besser lenken, sprich: verteilen lassen. Mit Big-Data-Analysen, die neben Mobilfunk-Daten auch Wetter- und Geodaten nutzen, sollen die Kunden in Echtzeit Informationen über verfügbare Plätze in den Zügen bekommen – so das Versuchsziel. Zugleich erhofft man sich von dem Projekt, an dem sich neben der Bahn der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg, die Telefónica, das Deutsche Zentrum für Luft und Raumfahrt (DLR) sowie einige Ingenieurfirmen beteiligen, auch präzisere Auskünfte über Verkehrsströme. Das vom Bundesverkehrsministerium geförderte Projekt will zunächst in zwei Regionalexpress-Zügen zwischen der Hauptstadt und den Ostseestädten Rostock und Stralsund Überblick über die Fahrgastbewegungen im Zulauf auf den Millionen-Ballungsraum Berlin sowie über den Saisonverkehr an die Ostseestrände gewinnen.

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