Bildnachweis: © Fotograf Thomas Josek, Autor Melanie Fischer

Mit Eisbrechern aus der Branche E-Mobilität im ÖPNV vorantreiben

Der Elektro-Antrieb im Linienbus ist ohne Alternative. Das macht Prof. Dr. Adolf Müller-Hellmann, Initiator der Veranstaltungsreihe der VDV-Akademie und des Forums für Verkehr und Logistik zum Thema E-Bus, im Interview deutlich. Viele Fragen sind noch offen, doch prinzipiell verspreche die neue Technologie nicht nur ökologisch sauberen Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV), sondern auch wirtschaftlich sinnvolle Lösungen für die Verkehrsunternehmen.

Die VDV-Akademie und das Forum für Verkehr und Logistik beschäftigen sich schon zum achten Mal mit dem E-Bus. Ist das immer noch eine akademische Beschäftigung oder gibt es praktischen Nutzen für die Verkehrsunternehmen?

Prof. Müller-Hellmann: Das Interesse an der Konferenz ist stetig gestiegen. 420 Teilnehmer aus 14 europäischen Ländern – das sind fünf Mal so viel wie 2010. Die Relevanz der Veranstaltung als Diskussionsplattform für Betreiber und Hersteller wird dadurch meines Erachtens überdeutlich. Für Verkehrsunternehmen sind die auf der Konferenz präsentierten Erkenntnisse aus ersten Erfahrungen mit Prototypen und Kleinserien zur Vorbereitung eigener Entscheidungen enorm wichtig.

Staatssekretär Bomba sprach von einer „Dekade“ für die flächendeckende Einführung des E-Busses: Geht es schneller oder dauert es länger?

Die flächendeckende Einführung von Batteriebussen hängt von mehreren Faktoren ab, insbesondere aber von politischen Vorgaben. Als seinerzeit die Niederflurbusse aufkamen, die deutlich teurer als die Standardbusse waren, gelang deren schnelle Einführung durch die engagierte Förderung von Seiten der öffentlichen Hände. Die flächendeckende Einführung der Batteriebusse wird sicherlich etwas länger dauern, da die EURO-VI-Dieselbusse wegen ihrer sehr geringen Emissionen zum Beispiel auch bei der Einführung einer „Blauen Plakette“ weiter betrieben werden können. Aber die Bestellung größerer Flotten wird bei vielen Verkehrsunternehmen sehr bald beginnen.

Bei den Verkehrsunternehmen gibt es die einen, die der Elektro-Mobilität skeptisch gegenüberstehen, weil sie (zu) teuer und (noch) nicht zuverlässig genug ist. Und es gibt andere, die bereits an größere Flotten denken: Wann wird es für die Unternehmen selbstverständlich sein, bei der Ersatzbeschaffung vom Diesel- auf den E-Bus umzusteigen?

Wir haben im VDV immer Unternehmen gehabt, die sich als Eisbrecher für Innovationen zur Steigerung der Attraktivität für die Fahrgäste und zur Verbesserung der Wirtschaftlichkeit für die Unternehmen betätigten. Diese Eisbrecher sind äußerst wichtig, da sie einerseits die Innovationsbereitschaft unserer Branche verdeutlichen und andererseits den nachfolgenden Unternehmen den Weg ebnen, denn, um im Bild zu bleiben: Selbst wenn die Rinne wieder zufriert, für den Nächsten ist das Eis dünner. Selbstverständlich wird der Umstieg nur dadurch, dass der Druck öffentlicher Hände in Verbindung mit einer ausreichenden Förderung zum weitgehenden Ausgleich der anfänglichen Mehrkosten diesen erzwingt.

Wie ist der Stand der Batterie-Entwicklung: Was können Batterien leisten, zu welchem Preis?

In unserer Konferenz hat es Aussagen gegeben über überraschend schnelle Preissenkungen, die bei den Zellen für PKW- Batterien zu verzeichnen sind. Diejenigen Bushersteller, die auch PKW produzieren, werden zukünftig im Vorteil sein. Jedenfalls dann, wenn es ihnen gelingt, die Batteriemodule, die in den PKW verwendet werden, auch so oder modifiziert in den ÖPNV-Bussen einzusetzen. Ohne in die Details zu gehen: Vor dem Hintergrund der sinkenden Batteriepreise sind die Verbrauchskosten für den Elektroantrieb nicht mehr weit vom Dieselpreis entfernt.

Thema Lade-Infrastruktur: Viele Lösungen, viel Aufwand, aber keine pragmatische Einheitlichkeit?

Leider ist das so. Die Industrie-Seite versucht natürlich, ihre technischen Entwicklungen zum Standard zu erheben, doch bei den Verkehrsunternehmen gibt es Widerstände, weil die bisherigen Lösungen sie nicht immer überzeugen. Bislang ist eine Verständigung zwischen beiden Seiten nicht erkennbar.

Werden die Betriebshöfe zumindest bei kleineren Unternehmen durch innovative Hightech-Lösungen nicht hinsichtlich der personellen Qualifikation überfordert?

Das steht zu befürchten. Und deshalb plädiere ich für die Entwicklung von selbstladefähigen Bussen! Insbesondere mittlere und kleinere Unternehmen werden sich dann leichter für die Einführung von Batteriebussen entscheiden, wenn sie voll funktionstüchtige Fahrzeuge von unterschiedlichen Herstellern kaufen können, die an einer elektrischen Tankstelle mit unterschiedlicher Leistung „tanken“ können. Ein Dieselbus tankt mit einem genormten Tankrüssel Dieselkraftstoff mit genormter Oktanzahl, ein Batteriebus „tankt“ elektrische Energie mit einem genormten „Stecker“ an einer genormten „Steckdose“ mit einer genormten Gleichspannung. Das muss unser Ziel sein. Leider sind wir davon noch ein Stück weit entfernt.

Wird das Thema Stromversorgung in der Diskussion um den E-Bus genug beachtet? Gibt es in einem e-mobilen Autoland am Ende überhaupt genug Öko-Strom, um ganze Bus-Flotten umzurüsten?

Es lässt sich anhand des Energiebedarfs der vorhandenen Busflotten leicht nachweisen, dass das überhaupt kein Problem darstellt.

Kann der E-Bus bei einer Betrachtung der Lebenszykluskosten (LCC) seinen höheren Anschaffungspreis wieder wettmachen?

Auf die Dauer ja. Es zeigt sich, dass der Batteriebus bei LCC-Betrachtungen insbesondere auch wegen der deutlich geringeren Wartungs- und Instandhaltungsaufwendungen signifikante Vorteile hat.

Die Verkehrsunternehmen wünschen sich mehr und bessere staatliche Förderung für den Kauf von E-Bussen. Sind hier nicht dauerhaft Konflikte mit Finanzministern und Haushältern programmiert?

Die Autoindustrie erwartet, dass bei weiter stark fallenden Speicherkosten Elektroautos in absehbarer Zeit preisgünstiger als Fahrzeuge mit fossilen Kraftstoffen seien. Eine Förderung öffentlicher Hände wird wegen des einfacheren Aufbaus elektrischer Antriebe in absehbarer Zeit überflüssig werden. Es muss nur eine deutlich größere Stückzahl bei den jährlichen Beschaffungen erreicht werden.

Bildnachweis: © Fotograf Thomas Josek, Autor Melanie Fischer