Bildnachweis: © Jan Lübbers

Kleinbahn will wieder Personenzüge fahren

Ein schon etwas bejahrter, aber auf Hochglanz polierter Dieseltriebwagen soll im nördlichen Niedersachsen neuen Appetit aufs Bahnfahren machen. In der zweiten Dezemberwoche pendelte der Zug bis zu sechsmal täglich im Takt zwischen Lüneburg und Bleckede an der Elbe. Es war der zweite Versuch der Bleckeder Kleinbahn, nach 40-jähriger Pause wieder Personenverkehr aufs Gleis zu holen.

Von den Initiatoren schon euphorisch als „S-Bahn” bezeichnet, tauchte der Testbetrieb auf der Anzeigetafel des Bahnhofs Lüneburg unter der Zuggattung „Sdz” auf – was bahnbetrieblich für „Sonderzug” steht. 40 fahrplanmäßige Minuten brauchte der dieselelektrische Triebwagen von der Ascherslebener Verkehrsgesellschaft in Thüringen für seine Sonderfahrten auf der Trasse, deren zulässige Höchstgeschwindigkeit derzeit nur bei 50 Stundenkilometern liegt. Das schmälert nicht den Optimismus der Bleckeder Kleinbahn, hinter der eine Schar von Bahn-Enthusiasten steht: Das Unternehmen gehört der Arbeitsgemeinschaft Verkehrsfreunde Lüneburg (AVL), die die 24 Kilometer lange Strecke zwischen dem Flüsschen Ilmenau und der Elbe immer wieder für Museums- und Sonderfahrten nutzt. Der Testbetrieb wurde ohne jede staatliche Hilfe finanziert. Er soll beweisen, dass entgegen einem Gutachten vor einigen Jahren ein Regelbetrieb mit modernisierten Gebrauchtfahrzeugen nach technischer Sicherung der Bahnübergänge kostengünstig mit bis zu 60 Stundenkilometern gefahren werden kann. Wenn es öffentliche Investitionen in die Strecke gäbe, sei sogar ein SPNV mit Tempo 80 und attraktiven Reisezeiten von etwa einer halben Stunde schon nach einem gezielten Ausbau für 5 Millionen Euro zu haben, rechnen die Kleinbahner vor.

Mehr Verkehr auf die Schiene holen
Nun wollen die Bahn-Experten mehr Verkehr auf die Schiene holen. Bei einem ersten Angebot an fünf Tagen im Mai 2017 zählten sie bei 50 Fahrten schon gut 3.000 zahlende Kunden. Rund zwei Drittel von ihnen hatten per Fragebogen generelles Interesse an der Bahn bekundet – ganz überwiegend Pendler zu den Arbeits- und Studienplätzen nicht nur in Lüneburg, sondern auch in Hamburg und Hannover, denn Zeitkarten der Verbünde, Ländertickets und die BahnCard 100 wurden in den Bleckeder Zügen anerkannt. Als Konsequenz aus diesem Echo wurden die Sonderfahrten im Dezember sorgfältig auf die Anschlussverbindungen ab und bis Lüneburg nach Hamburg und Uelzen ausgerichtet. Das Zugangebot jetzt in der Vorweihnachtszeit mobilisierte noch einmal 2.000 Fahrgäste – ganz überwiegend Einheimische, da Touristen derzeit kaum unterwegs sind.

Mit ihrem Probebetrieb wollen die Kleinbahner nachweisen, dass es eine ausreichende Nachfrage für einen regelmäßigen Schienenpersonennahverkehr im flachen Land zwischen Heide und Elbe gibt. Das gefällt auch den Kommunalpolitikern. Allen voran hatten sich Lüneburgs Oberbürgermeister Ulrich Mädge sowie Bleckedes Bürgermeister Jens Böther schon nach den Fahrten im Frühjahr mit einem Brief ans niedersächsische Wirtschafts- und Verkehrsministerium dafür stark gemacht, die Strecke und auch weitere Bahn-Verbindungen im Kreis Lüneburg zu reaktivieren. Inzwischen hat sich die Landesnahverkehrsgesellschaft Niedersachsen gemeldet: Sie will sich Anfang des nächsten Jahres mit dem SPNV im Landkreis Lüneburg beschäftigen und ein neues Gutachten in Auftrag geben.

Dafür gab es am letzten Betriebstag am 16. Dezember zwar keinen großen Bahnhof, aber großen Auftrieb für die Kleinbahn. Das Anliegen, die Strecke zu reaktivieren, fand prominente Unterstützung von hochrangigen Bahn-Managern. Gleich drei Konzernbevollmächtige der Deutschen Bahn für die Bundesländer fuhren mit nach Bleckede: Ulrich Bischoping (Niedersachsen und Bremen), Joachim Trettin (Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern) und Alexander Kaczmarek (Berlin). Für die Demonstration zur Wiederbelebung des SPNV von Lüneburg nach Bleckede hatten sie zudem drei weitere Bahn-Experten aus dem Ruhestand geholt: Bischoping seinen Vorgänger Hans-Jürgen Meyer und Kaczmarek ebenfalls seinen Vorgänger Ingulf Leuschel. Mit von der Partie war auch eine ehedem graue Eminenz im Hintergrund der Bahnpolitik: Ministerialrat a. D. Dieter Wellner aus München, der bei der Bahnreform und ihrer Umsetzung in Bayern einer der wesentlichen Gestalter war.

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