Bildnachweis © Eberhard Krummheuer

Hybride Busse und Bahnen sauber unterwegs

Emissionsfreier ÖPNV kommt voran: Nachdem der mit Strom aus Wasserstoff angetriebene iLint von Alstom aus der Coradia-Triebzugfamilie pünktlich zur Bahntechnikmesse Innotrans in den fahrplanmäßigen Liniendienst in Niedersachsen ging, präsentierten auch die Hersteller Bombardier und Siemens auf der Schau in Berlin ihre sauberen Züge für nicht elektrifizierte Bahnstrecken. Und die rheinische Großstadt Solingen, größter deutscher Betreiber eines Obus-Netzes, will alle Dieselbusse abschaffen zugunsten von Obussen mit zusätzlicher Batterie für den hybriden Einsatz auf Strecken ohne Oberleitung.

Ob Bahn oder Bus – das technische Prinzip ist vergleichbar: Bombardier stattet die dritte Generation ihres elektrischen Nahverkehrstriebzuges „Talent” zusätzlich zum bestehenden Antrieb mit Batterien aus – und aus dem „Talent 3” wird der BEMU, die „Battery Electrical Multiple Unit”, ein Hybridzug. Ein Triebzug also, der auf elektrifizierten Strecken den Strom aus der Oberleitung holt. Er nimmt dabei nicht nur Antriebsenergie auf, sondern auch noch Speicherenergie für die Traktionsbatterien. So kann der Zug dann noch weiter auf Strecken fahren, wo kein Fahrdraht installiert ist, solange der gespeicherte Strom reicht. Das sind mit der aktuellen Batterie-Generation bescheidende 40 Kilometer, doch schon im nächsten Jahr soll der Radius mit neuer Akku-Technik bis auf 100 Kilometer ansteigen. Damit ließe sich nach Einschätzung von Fachleuten in etwa die Hälfte aller Dieseltriebzüge im deutschen Netz durch klimaneutrale, emissionsfreie Züge ersetzen. Rund 60 Prozent der Strecken im Lande sind nicht elektrifiziert; auf den elektrischen Strecken werden aber über 90 Prozent des Schienenverkehrs abgewickelt.

In Süddeutschland will die Deutsche Bahn ab 2019 die Talente des neuen Hybridzuges im Fahrplanalltag testen. Interesse gibt es auch im Dieselnetz des Verkehrsverbundes Oberelbe (VVO) im südlichen Sachsen. Der VVO hatte die TU Berlin und Bombardier mit der Untersuchung beauftragt, da diese bereits umfangreiche Erfahrungen mit batterieelektrischen Antrieben gesammelt haben. Gefördert wird das Vorhaben vom Bundesverkehrsministerium und der Nationalen Organisation Wasserstoff- und Brennstoffzellentechnologie.

Im nächsten Jahr will auch Siemens Mobility umweltfreundlich in den Nahverkehr in bisherigen Dieselnetzen einsteigen – allerdings zunächst in einem Pilotprojekt mit einem Prototypen in Österreich. Gemeinsam mit den Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) wurde der auf der Innotrans vorgestellte ML Cityjet Eco aus der Desiro-Fahrzeugfamilie entwickelt. Die tonnenschwere Hybridtechnologie mit den Batterien konnte dabei kostengünstig auf dem Dach des Mittelwagens der Zugeinheit montiert werden. Die Akkus sollen den Zug 80 Kilometer weit fahren lassen; nachgeladen werden kann nicht nur während der Fahrt unter der Oberleitung, sondern auch im Bahnhof – bei entsprechender Einrichtung in nur zehn Minuten.

Während kommunale Verkehrsunternehmen sich landauf, landab mit den Kinderkrankheiten von Elektrobussen herumplagen, plant Solingen den großen Wurf. Mit 50 Obussen und 46 Dieselbussen betreibt die Stadtwerke-Tochter ein rund 200 Kilometer langes ÖPNV-Netz und davon etwa die Hälfte elektrisch. Künftig soll ein „Smart Trolley System” nur noch Obusse fahren lassen, genauer gesagt Batterie-Obusse (BOB) mit Hybrid-Technologie. Es ist ein vom Bund gefördertes und von der Wissenschaft begleitetes Projekt. Um den Dieselbus vollständig zu verbannen, muss das gesamte Verkehrsangebot so umstrukturiert werden, dass mindestens ein Drittel des Weges aller 24 Linien unter der Oberleitung der derzeit sechs Obus-Linien geführt wird und dort während der Fahrt der Strom für die Strecke außerhalb des elektrischen Netzes getankt wird. Das Projekt startet bereits in diesem Herbst: Dann wird eine erste Dieselbus-Linie, die zwei Außenbezirke mit der City verbindet, auf die neue Bus-Generation umgestellt; in der Innenstadt kann sie dann die Stromabnehmer an die Fahrleitung anlegen und elektrisch fahren. Auch die beiden anderen Obusbetriebe in Deutschland in Esslingen und Eberswalde haben Pläne, sich auf einzelnen Linien vom Dieselbus zu trennen.

Für das Smart Trolley System in Solingen wird eine intelligente, digital gesteuerte Ladeinfrastruktur errichtet, denn mit jedem zusätzlichen Buseinsatz steigt der Energiebedarf, für den das bisherige Netz nicht ausgelegt ist. Wie im elektrischen Schienenverkehr wird der Obus auch für die „Rekuperation” ertüchtigt – die Rückgewinnung von Strom beim Bremsen. Das passiert in Solingen häufig, da die Topographie etliche Steilstrecken zu bieten hat. Ambitioniertes Ziel ist dabei, Verkehrswende und Energiewende zusammen zu koppeln. In Solingen stellt man sich vor, dass der Verkehrsbetrieb nicht nur Verbraucher ist, sondern auch Lieferant der sauberen Energie sein kann: Über entsprechende Speichermedien könnte seine BOB-Flotte als „virtuelles Kraftwerk” genutzt werden, das überschüssigen Strom ins Mittelspannungsnetz der Energieversorger verkauft.

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