Einfach, flexibel und nachhaltig

Einfach, flexibel und nachhaltig

Wachsende Großstädte und Metropolregionen brauchen zukunftsfähige Mobilitätkonzepte. Günter Elste, Vorstandsvorsitzender der Hamburger Hochbahn AG, spricht über den Netzausbau, barrierefreie Mobilität und intermodale Reiseketten.

Günter Elste, Vorstandsvorsitzender der Hamburger Hochbahn AG

Günter Elste, Vorstandsvorsitzender der Hamburger Hochbahn AG.

Busse und Bahnen in Hamburg werden immer voller. Freuen Sie sich über die wachsenden Fahrgastzahlen – oder drohen der Hansestadt bald japanische Verhältnisse? 
Von japanischen Verhältnissen sind wir doch noch ein gutes Stück entfernt. Aber die Fahrgastzahlen steigen. Das ist erfreulich, denn die umweltpolitischen Ziele der Stadt erfordern einen Umstieg vom Pkw auf Busse und Bahnen. Es ist zudem ein Beitrag, um die Qualität innerstädtischen Lebens zu steigern. Daneben ist die Verlagerung des Individualverkehrs auf Busse und Bahnen auch eine Voraussetzung, damit der nicht verlagerbare Wirtschaftsverkehr fließen kann. Er ist eine Voraussetzung für Wirtschaftswachstum und das Entstehen von Arbeitsplätzen. Gleichzeitig sind die steigenden Fahrgastzahlen aber auch eine Herausforderung. Die Fahrgäste bleiben nur bei uns, wenn die Beförderungsqualität stimmt. Dafür müssen wir in den kommenden Jahren unser U-Bahn- und Bus-Kapazitäten an vielen Stellen deutlich ausweiten.

Nicht nur Hamburg selbst, sondern auch die Metropolregion wächst. Damit werden innerstädtische, aber auch überregionale Nahverkehrsverbindungen immer gefragter. Reichen die Kapazitäten?
Dies betrifft in sehr starkem Maße den Schienenverkehr und die dafür notwendige Infrastruktur, die an einigen Stellen schon aus-, wenn nicht sogar überlastet ist. Aufgrund der notwendigen Vorlaufzeiten und der Entwicklung der Fahrgastzahlen ist hier eine Ausweitung der Kapazitäten dringend erforderlich. Gerade die Pendlerströme aus dem Süden der Metropolregion erfordern ein steigendes Angebot. Neben der Schieneninfrastruktur müssen aber auch die Park+Ride-Angebote am Rand der Stadt ausgebaut werden, um Pendlerströme möglichst schon dort umzuleiten und die Innenstädte zu entlasten.

Gerade Berufspendler klagen über zu volle Busse und Bahnen. Lässt sich dieses Problem lösen?
Wir haben erfreulicherweise eine steigende Nachfrage nach Nahverkehrsleistungen. Da kommt es zu Stoßzeiten auch mal zu vollen Fahrzeugen. Natürlich haben wir die nachfragestarken Abschnitte im Blick. Wo wir an Kapazitätsgrenzen stoßen, steuern wir nach und setzen beispielsweise zusätzliche und größere Busse ein. Das wird auf Dauer nicht ausreichen.

Was ist zu tun?
Um die Kapazitäten nachfragegerecht auszubauen, muss z. B. der Busverkehr innerstädtisch eindeutig Vorrang vor dem Individualverkehr erhalten. Wichtige Kernelemente sind hier etwa Ampelvorrangschaltungen und – zumindest teilweise – Bussonderspuren. Dadurch können die Betriebsumläufe stabilisiert und beschleunigt werden, was einen deutlichen Anstieg der Kapazitäten mit sich bringt. Hierfür sind aber Investitionen in die Infrastruktur erforderlich. Hamburg investiert in den nächsten Jahren 259 Millionen Euro in ein Busbeschleunigungsprogramm. Im U-Bahn-Bereich ist eine Taktverdichtung eine wichtige Möglichkeit, zusätzliche Kapazitäten zu schaffen. Dafür werden zusätzliche Fahrzeuge beschafft. Zum Ende des Jahrzehnts werden wir auf einigen Streckenabschnitten einen automatisierten Betrieb im 90-Sekunden-Takt anbieten müssen um auch künftig ein attraktives Angebot gewährleisten zu können.

In welchem zeitlichen Rahmen sind Lösungen zum Kapazitätsausbau umsetzbar?
Kurzfristig sind Maßnahmen in begrenztem Umfang möglich. So ist die Beschaffung neuer und größerer Busse im Rahmen der jährlichen Anschaffungen steuerbar. Aber auch hier müssen beispielsweise die Betriebshöfe hinsichtlich Kapazität und technischer Ausstattung mitwachsen. Von den ersten Überlegungen, über die Planung bis zur Fertigstellung reden wir dann aber schon von Zeiträumen von fünf bis zehn Jahren. Diese Zeiträume sind auch für die Entwicklung Anschaffung neuer U-Bahn-Fahrzeuge oder die Streckenerweiterung im Schienenbereich schnell erreicht.

Sanierungen, Kapazitätsausbau, demografischer Wandel: Gibt es ein Gesamtkonzept?
Im vergangenen Jahr hat die HOCHBAHN ihre langfristig angelegte Unternehmensstrategie „HOCHBAHN 2030“ vorgelegt und mit ihren Gesellschaftern abgestimmt. Diese Strategie ist die Antwort auf die sich verändern Rahmenbedingungen und die daraus resultierenden Herausforderungen. Neben der Notwendigkeit den klassischen ÖPNV auszubauen und Antworten auf den demografischen Wandel zu finden, spielen aber auch der Umwelt- und Ressourcenschutz als auch die intelligente Verknüpfung verschiedener Verkehrsmittel eine zentrale Rolle.

Hamburg und die Metropolregion werden in Zukunft aber nicht nur größer, sondern vor allem auch älter: Welche Mobilitätsideen haben Sie für die alternde Gesellschaft?
Schon seit langem gehen wir auf die Bedürfnisse von älteren Fahrgästen ein. So setzt die HOCHBAHN nur Niederflurbusse ein. Im U-Bahn-Bereich hat der aktuelle Senat die erforderlichen Mittel bereitgestellt, mit denen der barrierefreie Ausbau von zwei Drittel der Haltestellen bis 2015 umgesetzt werden kann. Bis zum Anfang des kommenden Jahrzehnts sollen dann alle Haltestellen umgebaut sein. Hierfür sind noch einmal Investitionen in beträchtlicher Höhe erforderlich. Ein weiteres Thema wird künftig die zielgruppenspezifische Information sein.

Die Realisierung solcher Ideen kostet ebenso Geld wie die Sanierung und der Ausbau des ÖPNV-Netzes. Gibt es genug Geld dafür?
Für einen guten ÖPNV gibt es nie zu viel Finanzierungsmittel, denn der Ausbau ist gesamtwirtschaftlich und gesellschaftlich zwingend erforderlich. Aktuell haben wir in Hamburg eine gute Rückendeckung durch den Senat. Das barrierefreie Ausbauprogamm sowie das Busbeschleunigungsprogramm zeigen, dass Politik und Verkehrsunternehmen an einem Strang ziehen. Auch künftig hängt ein erfolgreicher ÖPNV von einer ausreichenden Finanzierung ab. Große Infrastrukturprojekte erfordern die Fortführung des Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetzes oder dessen Ersatz durch ein vergleichbares Instrument. Sicher werden auch die Nutzer einen Beitrag leisten müssen, um das Angebot weiter ausbauen zu können. Investitionen in den ÖPNV sind Investitionen in die Mobilität der Menschen, in Umwelt- und Ressourcenschutz und nicht zuletzt in die Qualität innerstädtischen Lebens auch für die künftigen Generationen.