Verkehr im Tunnel: Unterm Deckel, in der Röhre | Bildnachweis: © Förderverein Cargo Sous Terrain

Verkehr im Tunnel: Unterm Deckel, in der Röhre

Wenn Verkehrswege neu geplant werden, ist eine Forderung der Bürger schnell formuliert: Am besten die Infrastruktur in einem Tunnel bauen und so für Lärmschutz und weniger Luftverschmutzung sorgen. Trotz der damit rasant steigenden Kosten sind Großprojekte politisch häufig gar nicht mehr anders durchsetzbar. Neben eher klassischen Lösungen gibt es auch innovative Ideen für Gütertransporte und originelle Vorstellungen für Radwege.

Für mehr Lebensqualität greift die Freie und Hansestadt Hamburg tief ins Steuersäckel. Unter dem Stichwort „Stadtreparatur“ wird die hoch belastete Nord-Süd-Autobahn A 7 mit über 150.000 Pkw- und Lkw-Fahrten pro Tag gleich an drei Stellen unter einem „Deckel“ verschwinden, insgesamt auf 3,7 Kilometern, für rund 70 Millionen Euro zusätzlicher Kosten. Statt endloser Blechkolonnen verheißen die Computer-Animationen eine schöne grüne Welt auf den Tunneldächern: Parkanlagen, Kleingärten, Kinderspielplätze. Darunter auch eine schöne neue Welt für die Autofahrer: vier-, teilweise fünfspurig soll die Fernstraße von Flensburg nach Füssen den Engpass Hamburg durchqueren und dem derzeitigen Stop-and-Go-Dauerzustand ein Ende bereiten.

Autobahn-Schneisen wachsen wieder zu
Als „Stadtreparatur“ wird der Hamburger Deckel von der Politik angepriesen, weil nun endlich die Schneisen wieder zuwachsen können, die die Autobahntrasse durch die Hansestadt geschlagen hat. „Das Gesamtprojekt Deckel A 7 ist ein gelungenes Beispiel dafür, wie unterschiedliche Interessen – Schaffung von Wohnraum, wirtschaftliches Wachstum und Lärmschutz bei steigendem Verkehrsaufkommen – zum Wohl der Bürger miteinander vereinbar sind“, sagte Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) der „Hamburger Morgenpost“. Und Wirtschafts- und Verkehrssenator Frank Horch spricht von einem „Jahrhundertprojekt“, das europaweit Vorbild für die Integration von Verkehrsinfrastruktur und Stadt sein könnte. Zwar können die Tunneldächer wegen ihrer begrenzten Tragfähigkeit nicht für Wohnhäuser genutzt werden, dafür aber steigen die Nutzungsmöglichkeiten der Grundstücke, die unmittelbar an der Autobahn liegen. So sollen neben den Deckeln rund 3000 Wohnungen entstehen.

Mit Deckeln Autostraßen und Bahntrassen in den Untergrund zu verbannen, ist keine Hamburger Erfindung und teilweise seit Jahrzehnten realisiert. Jüngeres Beispiel ist der geplante Bahntunnel bei Offenburg im Zuge der Neu- und Ausbaustrecke Karlsruhe - Basel, ohne den der Bürgerprotest das Projekt weiter in die Ferne verschoben hätte. Zu neuen Ehren und Funktionen kommen aber auch alte Tunnel, die eigentlich schon ausrangiert waren. So werden landauf, landab Tunnelbauwerke auf still gelegten, zu Radwegen umfunktionierten Nebenbahnstrecken restauriert.

Mit dem Fahrrad durch alte Tube-Tunnels
Mitten in der City von London gibt es ähnliche Überlegungen – allerdings mit einem ganz anderen Ansatz: Die rasch wachsende britische Mega-Metropole erstickt im immer größer werdenden Verkehrschaos. Experten entdecken deshalb – ebenso wie viele Londoner Bewohner – das Fahrrad als alternatives Verkehrsmittel und suchen nun nach geeigneten Radwegen. Die internationale Architektenfirma Gensler ging dafür in den Untergrund: Es gibt in London im Netz der „Tube“ eine Reihe von nicht mehr benutzten U-Bahn-Tunnels, die sich – so die Idee – als Wege für Radler und Fußgänger eignen, autofrei und geschützt vor den Ärgernissen des britischen Wetters. Unter den Straßen könnten Flaniermeilen mit Cafés und Läden entstehen, um für die nötige Attraktion zu sorgen – und die Sicherheit. Für ihre Ideen für „London Underline“ heimsten die Planer 2015 sogar einen Preis ein, doch bislang ist das Projekt nicht realisiert.

Güter-U-Bahn soll Schweizer Straßen entlasten
Mit einer vollautomatischen unterirdischen Transport-Infrastruktur für den Güterverkehr will „Cargo sous terrain“ (CST) in der Schweiz die oberirdischen Verkehrswege entlasten. Das Projekt, hinter dem Schweizer Großkonzerne wie Coop und Migros sowie die Staatsunternehmen Swisscom, Post und Schweizer Bundesbahnen als Konsortialpartner stehen, will eine Art U-Bahn für den Transport klassischer Paletten bauen, zunächst bis zum Jahr 2030 auf einem 67 Kilometer langen Abschnitt zwischen dem Verkehrsknotenpunkt Olten und Zürich, in einer weiteren Ausbaustufe in der gesamten Nord-Schweiz zwischen Genf und Bodensee. In einer Röhre von nur sechs Metern Durchmesser sollen auf drei Spuren kleine, elektrisch über eine Induktionsschiene bewegte Fahrzeuge für jeweils zwei Paletten Güter zwischen einem System von Hubs in Unternehmen und Logistikzentren befördern. Am jeweiligen Start- und Zielpunkt sollen die Transportgefäße per Lift in den Untergrund bzw. an die Oberfläche gebracht werden.

Der hinter dem CST-Projekt stehende Förderverein hat eine Machbarkeitsstudie vorgelegt und verspricht sich von der Güter-U-Bahn Minderungen der Schadstoffemissionen von 80 Prozent und einen Rückgang des Lkw-Verkehrs auf den Autobahnen nördlich der Alpen um 20 Prozent. Der Aufwand für die erste Teststrecke wird auf drei Milliarden Schweizer Franken (2,8 Milliarden Euro) geschätzt und der für das komplette Netz auf 33 Milliarden Franken. Politik und Behörden der Eidgenossenschaft stehen den Absichten positiv gegenüber – sofern sie privat finanziert werden. Ende November 2016 hat der Schweizer Bundesrat Bedingungen formuliert, unter denen die erforderlichen gesetzlichen Voraussetzungen für das erste private Schweizer Infrastrukturprojekte geschaffen werden sollen. Verlangt wird, dass sich der Förderverein in eine Aktiengesellschaft umwandelt und die Partner sich verpflichten, zusammen 100 Millionen Franken für CST bereitzustellen. Die künftigen Betreiber müssen zudem einen diskriminierungsfreien Zugang zum System garantieren.

Bild: © Förderverein Cargo Sous Terrain