Schienengüterverkehr braucht Innovationen für Markterfolge

Schienengüterverkehr braucht Innovationen für Markterfolge

Ein „Technischer Innovationskreis Schienengüterverkehr“ (TIS), dem Verlader, Betreiber und Fahrzeughersteller angehören, sucht mit seiner Zukunftsinitiative nach neuen Wegen für mehr Markterfolg. Sie steht ganz am Anfang, gibt Jürgen Hüllen, Sprecher des Kreises, offen zu. Im Interview präzisiert der ehemalige VTG-Vorstand Vorstellungen und Ziele.

Jürgen Hüllen

Jürgen Hüllen, Sprecher von „Technischer Innovationskreis Schienengüterverkehr“ (TIS)

Herr Hüllen, der Bund will über die im letzten Jahr abgeschlossene Leistungs- und Finanzierungsvereinbarung mit der Bahn AG erhebliche Milliardenbeträge in die Schieneninfrastruktur stecken. Sollte das nicht dem Schienengüterverkehr einen erheblichen Schub geben?
Hüllen: Natürlich begrüßen wir die Aussicht auf eine optimierte Infrastruktur, insbesondere einen Abbau der Kapazitätsengpässe. Bei denen hat in der Regel der Personenverkehr den Vorrang und der Güterverkehr das Nachsehen – damit auch im Wettbewerb. Doch unsere Branche ist fest davon überzeugt, dass wir auch auf der Fahrzeugseite eine Menge tun müssen, um die Wettbewerbsfähigkeit des Schienengüterverkehrs spürbar zu erhöhen.

Und warum haben Sie das bisher nicht getan?
Hüllen (lacht): Nun, natürlich tun wir schon eine Menge. Aber wir haben ein grundsätzliches Problem, das uns von den anderen Verkehrsträgern unterscheidet. Die Kapitalkraft unserer Akteure reicht nicht aus, um Innovationen wirklich voranzutreiben.

Woran liegt das?
Hüllen: Wir sind eine gegenüber der Straße nur sehr kleine Branche, die sich jedes Jahr nur in entsprechend kleinen Stückzahlen erneuert, zwischen 7.000 und 15.000 Güterwagen im Jahr – bei einem europäischen Fahrzeugbestand von etwa einer halben Million Waggons. Das heißt: Sie müssen die Investitionen für Innovationen über sehr kleine Stückzahlen refinanzieren. Das macht die Waggons teuer und mindert folglich die Marktchancen des Schienengüterverkehrs. Hinzu kommt: Diese Neufahrzeuge haben eine Lebensdauer von 30 bis 40 Jahren. Das heißt, es dauert sehr lange, bis die nächste Innovation kommen kann. Zudem müssen alle technischen Neuerungen so beschaffen sein, dass sie einen freizügigen Einsatz der Flotten in ganz Europa ermöglichen.

Was kann die Branche ändern?
Hüllen: Geändert hat sich nach den Diskussionen im Innovationskreis das Grundverständnis. Wir suchen gemeinsam – Verlader, Verkehrsunternehmen, Vermieter, Waggonbauer – nach neuen Wegen. Das nennen wir den „Sektor-Ansatz“.

Das heißt?
Hüllen: Nur wenn der gesamte Sektor des Schienengüterverkehrs zielgerichtet und koordiniert technische Innovationen entwickelt, die zudem wirtschaftlich vernünftig im Sinne der Lebenszykluskosten und damit marktorientiert sind, haben wir eine Chance.

Ist das denn so schwierig?
Hüllen: Bisher ja. Zwei Beispiele. Erstens. Automatische Kupplungssysteme für Güterwagen sind bisher die Ausnahme. Den Eisenbahnverkehrsunternehmen sind Um- und Ausrüstung zu teuer. Aber irgendwann finden sie keine Mitarbeiter mehr, die bereit sind, die gefährliche und anstrengende Arbeit des Kuppelns zu machen! Zweitens, das Thema Lärmschutz. Mit großem Aufwand werden die Flotten derzeit auf Kunstoffbremsen umgerüstet, bis 2020. Doch wir müssen heute schon über weitergehende lärmtechnische Lösungen nachdenken. Die europäischen Lärmschutznormen werden sicher noch strenger. Beide Beispiele zeigen: Wir dürfen nicht immer nur vordergründig auf die aktuellen Kosten schauen. Vielmehr müssen wir längerfristige Nutzenanalysen anstellen. Der Nutzen muss beim Investor ankommen. Nur so können wir es schaffen.

Wie soll das funktionieren: Der Investor freut sich, und alle anderen zahlen?
Hüllen: Deshalb ja der Sektor-Ansatz. Wir brauchen das gesamthafte Verständnis des komplexen Systems Bahn. Bestes Beispiel ist das Zusammenwirken von Rad und Schiene. Wenn wir Verschleiß oder Lärm mindern wollen, kann das nicht durch die isolierte Optimierung einer der beiden Komponenten geschehen, sondern nur durch ein abgestimmtes Vorgehen. Unter dem Strich profitieren dann alle Partner des Schienengüterverkehrs – wenn es uns gelingt, den Marktanteil von heute 17 Prozent auf 20 bis 30 Prozent zu erhöhen.

Was konkret muss dazu passieren?
Hüllen: Die Erfolgsfaktoren des wettbewerbsfähigen Schienengüterverkehrs sind mit „5 L“ beschrieben. Leise, leicht, laufstark sollen unsere Waggons werden, zudem logistikfähig und Life-Cycle-Cost-orientiert. Wir brauchen entsprechende Basis-Innovationen. Standards also mit Schnittstellen, auf denen dann spezifische Problemlösungen oder Module aufgebaut werden können. Die IT-Welt zeigt uns, wie so etwas geht, und auch die Bahnindustrie signalisiert die Bereitschaft mitzumachen.

Und wer bezahlt das?
Hüllen: Unser Innovationskreis finanziert sich aus der Kraft seiner Mitglieder. Wir würden uns wünschen, dass die Politik den Spruch „Güter gehören auf die Bahn“ sich endlich zu Herzen nimmt und über Förderprogramme und Anreizsysteme den Weg in die Märkte mit bereitet.

Technischer Innovationskreis Schienengüterverkehr (TIS)

5 L-Innovationsziele für Güterwagen:

  • Leise: Hörbare Senkung der Lärmemissionen
  • Leicht: Höhere Ladekapazität durch geringeres Fahrzeuggewicht
  • Laufstark: Weniger Ausfall und Stillstand, höhere jährliche Laufleistungen
  • Logistikfähig: Integration in Transportketten
  • Life-Cycle-Cost-orientiert: Höhere Wirtschaftlichkeit des Fahrzeugeinsatzes über die gesamte Lebensdauer.

 

TIS-Teilnehmer:

  • AAE Ahaus-Alstätter Eisenbahn
  • BASF
  • DB Cargo
  • GATX Rail Germany
  • Knorr-Bremse
  • SBB Cargo
  • VTG
  • Waggonbau Graaff
  • Waggonbau Niesky

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