S-Bahn-Berlin – Rückgrat des Hauptstadtverkehrs

S-Bahn-Berlin – Rückgrat des Hauptstadtverkehrs

Seit 90 Jahren steht sie unter Strom. Ohne die S-Bahn wäre Berlin anders, denn mit ihr sind täglich bis zu 1,3 Millionen Fahrgäste unterwegs. Sie bietet über die Grenzen der Hauptstadt hinaus eine dichte Mobilitäts-Infrastruktur: 330 Kilometer Streckennetz, 166 Bahnhöfe, 15 Linien. In diesem Sommer aber fallen viele Fahrten aus. Die Stadtbahnstrecke zwischen Bahnhof Zoo und Ostbahnhof wird gesperrt und komplett erneuert.

Fakten

  • Die S-Bahn Berlin GmbH ist eine Tochter der Deutschen Bahn und mit 400 Millionen Fahrgästen im Jahr größtes deutsches Nahverkehrsunternehmen.
  • Auf einem Netz von 330 Kilometern in Berlin und in Brandenburg verkehren Züge zwischen 166 Haltepunkten.
  • Das Unternehmen beschäftigt 3000 Mitarbeiter.
  • Im Geschäftsjahr 2013 wurde bei einem um gut 12 Prozent auf knapp 640 Millionen Euro gestiegenen Rekord-Umsatz ein positives Ergebnis von 43,3 Millionen Euro erzielt, nach vier Jahren mit roten Zahlen.
  • Vor 90 Jahren, 1924, startete die S-Bahn-Berlin mit dem elektrischen Betrieb. Die Triebzüge entnehmen den Gleichstrom aus einer seitlich neben dem Gleis installierten Stromschiene.

In der Nacht des 9. November 1989, als die Mauer fiel, begann die Freiheit für tausende Menschen auf dem Bahnsteig B des Bahnhofs Friedrichstraße. Dort, wo die S-Bahn über die Grenze hinweg fuhr. Keine schikanierenden Kontrollen mehr, keine drohenden Kalaschnikows – stattdessen eine Bahnverbindung „rüber“ in den Westen, die engagierte Eisenbahner die ganze Nacht durchfahren ließen. Mit Lokführern in den Führerständen an beiden Zugenden, denn einer alleine hätte kaum eine Chance gehabt, am Endbahnhof vom einen zum anderen Schaltpult zu wechseln: Er wäre durch die Massen auf den Bahnsteigen und in den Zügen gar nicht durchgekommen.

Einer von ihnen erzählt: Er sei zunächst noch auf der bahnsteigabgewandten Seite entlang gelaufen, dann aber gar nicht mehr vorne in den Zug hineingekommen: „Also fragte ich die Fahrgäste: ,Wollt ihr in den Westen?' ,Ja!' – ,Dann müsst ihr mich aber erst rein lassen – sonst fährt hier nichts.' Man machte mir Platz und bot mir auch gleich noch an, aus den mitgebrachten Sektflaschen einen Schluck zu nehmen, was ich ablehnte ...“.

Weit verzweigtes Netz
Der Mauerfall beendete ein trostloses Kapitel in der Geschichte der Berliner S-Bahn. Fast 25 Jahre später ist sie wieder das Rückgrat des Hauptstadtverkehrs neben der kommunalen BVG, die mit ihrem weit verzweigten Netz an U-Bahn-, Tram- und Buslinien täglich knapp 940.000 Fahrgäste befördert. Während der Teilung der Stadt hatte sie zeitweise auch ein Rumpfnetz der S-Bahn betrieben, mit zuletzt gerade mal 70.000 Fahrgästen. Gegenüber den 1,3 Millionen werktäglichen S-Bahn-Kunden heute: Mit 400 Millionen Fahrgästen im Jahr steht die Tochtergesellschaft der Deutschen Bahn für vier Prozent des gesamten öffentlichen Personenverkehrs in Deutschland. Der Kunde fährt im Schnitt 10,6 Kilometer mit der S-Bahn. Die hat zwar gravierenden Pleiten und Pannen hinter sich, doch die Fahrgäste gaben ihr zuletzt die Schulnote 2,6.

In dem Vierteljahrhundert nach dem Mauerfall ist das traditionelle Berliner Verkehrsangebot weithin wieder so entstanden, wie es vor der deutschen Teilung bestand. Während erste Lückenschlüsse zwischen Ost und West schon in den Wochen und Monaten nach der Öffnung der Grenzen vollzogen wurden, waren es vor allem die 90-er Jahre, in denen das Netz wieder wuchs und zusammenwuchs. Einer der ersten Meilensteine war 1992 die Wieder-Inbetriebnahme der durchgehenden S-Bahn-Verbindungen in die brandenburgische Hauptstadt Potsdam, später folgten weitere Linien in das brandenburgische Umland im neuen, rasch wachsenden Speckgürtel Berlins, wo es über 30 S-Bahn-Haltepunkte gibt. 2002 waren mit der Wiedereröffnung des S-Bahn-Ringes rund um die städtischen Zentren die Vorhaben weitgehend abgeschlossen.

Hoher Instandhaltungsaufwand
Der intensive Betrieb auf dem Netz sorgt für einen hohen Instandhaltungsaufwand. „Viele Anlagen der S-Bahn Berlin sind unmittelbar nach der Wiedervereinigung neu errichtet worden. Nach mehr als 20 Jahren Nutzung ist das Ende ihrer Lebensdauer erreicht. Damit auch weiterhin ein sicherer und zuverlässiger Betrieb gewährleistet ist, müssen sie nun erneuert werden“, erklärt Olaf Schröder, der bei der DB ProjektBau GmbH die Bauvorhaben für die S-Bahn managt. Auch hierbei geht es um große Summen: Allein 330 Millionen Euro lässt sich die S-Bahn Berlin in diesem Jahr die Sanierung der Infrastruktur kosten.

Das bedeutendste Vorhaben trifft Pendler und Touristen gleichermaßen und ist bewusst in die Zeit der Berliner Sommer-Schulferien gepackt: Vom 25. Juli bis zum 4. August werden die S-Bahn-Gleise zwischen den Bahnhöfen Zoologischer Garten und Friedrichstraße erneuert und die Strecke komplett gesperrt, vom 4. bis zum 25. August ist dann der Stadtbahn-Abschnitt vom Bahnhof Friedrichstraße bis zum Ostbahnhof dran; hier sollen die S-Bahnen aber weiterhin fahren, wenn auch in veränderten Fahrplänen.Vom 25. August bis zum 12. September ist Potsdam bevorzugt mit Regionalexpress-Zügen erreichbar: Die S 1 wird ebenfalls wegen Gleiserneuerungsarbeiten zwischen Wannsee und Griebnitzsee voll gesperrt. Nicht betroffen sind die Gleise und Züge der Fernbahn.

Nachdem Jahrzehnte lang noch „Olympia-Züge“ der Spiele von 1936 im Nazi-Deutschland auf dem Streckennetz unterwegs waren, wurden die Fahrzeugflotten nach der Gründung der Deutschen Bahn umfassend erneuert. Dann brachten 2009 gravierende technische Pannen das Gesamtsystem der S-Bahn Berlin ins Wanken, viele Fahrzeuge fielen aus. Der Bahn-Konzern spricht heute von „herstellerbedingten Fahrzeugmängeln“ und räumt „Managementfehler im Unternehmen“ ein, die durch entschiedene Maßnahmen – unter anderem dem Austausch der Geschäftsführung bei der Tochtergesellschaft – beseitigt sein sollen. Gegen den Fahrzeug-Hersteller hat die Bahn einen Prozess angestrebt, in dem sie aktuellen Medienberichten zufolge 350 Millionen Euro Schadenersatz erstreiten will. An die oft auf den Bahnsteigen stehen gebliebenen Fahrgäste zahlte das Unternehmen von 2009 bis 2011 eigenen Angaben zufolge 140 Millionen „Entschuldigungsleistungen“.

Das ist alles Vergangenheit. „Wir verbinden seit 90 Jahren“ ist das Motto zum Jubiläum. Gefeiert wird es unter anderem auf der Strecke nach und in Bernau: Vom heutigen S-Bahnhaltepunkt Nordbahnhof, dem damaligen Stettiner Bahnhof, fuhr die S-Bahn ab 1924 erstmals mit elektrischen Triebzügen eben in den nördlichen Vorort. Der Vorläufer-Betrieb mit Dampflok-Zügen geht aber bis ins 19. Jahrhundert zurück. Damals entstand das heute wieder existierende System der diametral durch die Stadt gehen Stadtbahnlinie von West nach Ost, ergänzt um die Ringbahn, die seinerzeit die vielen Kopfbahnhöfe der Hauptstadt verknüpfte. Noch vor dem Beginn des 20. Jahrhundert entstanden großzügige Gleisanlagen, die Fern- und Nahverkehr auf der Schiene trennten. Es waren die wesentlichen Voraussetzungen für den S-Bahn-Betrieb, der auch im 21. Jahrhundert in der Bundeshauptstadt unverzichtbar ist.

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