Mit „switchh“ glücklich leben ohne eigenes Auto

Mobilität multimodal: Hamburg erprobt derzeit mit Bus, Bahn und Auto ein integriertes Verkehrsangebot mit dem Ziel, den Stadt-Bewohnern mehr Lebensqualität ohne eigenen Pkw zu verschaffen. Stammkunden des Hamburger Verkehrsverbundes (HVV) haben jederzeit die Wahl der Fortbewegung: klassischer Nahverkehr, Car Sharing, Mietwagen, Taxi und Fahrrad.

Fakten

Mobil mit switchh

  • Die HVV-App zeigt als multimodale Mobilitätsplattform aktuell alle Angebote für den individuellen Reisezweck auf einen Handy-Blick: Bus, Bahn, Smart, Mietwagen, Taxi, Fahrrad. 
  • Mit der switchh Card nach einmaliger persönlicher Registrierung (für 10 Euro und 60 Frei-Minuten im Monat) umsteigen in 700 Smarts von car2go. Oder Europcar-Mietwagen buchen – mit 20 Euro Rabatt deutschlandweit. 
  • 1.800 HVV-Kunden sind bereits mit der switchh Card zwischen Bahn, Bus, car2go und Europcar ohne eigenes Auto mobil.
  • switchh-Punkte zum schnellen Umsteigen zwischen den Hamburger Mobilitätsangeboten gibt es am innerstädtischen Knotenpunkt Berliner Tor, in Bergedorf und Harburg. Weitere switchh-Punkte in der City sollen folgen. 
  • Die zweijährige Testphase von switchh dauert noch bis ins Frühjahr 2015.

Der S- und U-Bahnhof Berliner Tor unweit des Hamburger Hauptbahnhofs gehört zu den stark frequentierten Umsteigepunkten in der Hansestadt. Neben den bekannten Schildern mit dem weißen S auf grünem und dem weißen U auf blauen Grund prangt weithin sichtbar ein neues Logo: Ein in Blau- und Grüntönen gehaltenes Band. Das ist das Markenzeichen von „switchh“, dem neuen Mobilitätsprodukt der Hamburger: Das englische Wort „switch“ – orthografisch korrekt mit einem „h“ – steht für wechseln, umsteigen – etwa von der U-Bahn in den Smart-Flitzer von car2go oder vom Bus in den Europcar-Mietwagen, ins Taxi oder aufs Mietrad. Das doppelte „h“ symbolisiert das „HH“ des Autokennzeichens für Hamburg.

„Hamburg verbunden“ ist denn auch der Slogan von „switchh“. Es ist ein neues Angebot für alle die, die tagtäglich die Linien des HVV mit einem Abonnement nutzen. Für einen geringen Aufpreis können sie zusätzlich zu günstigen Konditionen auf einen Smart von car2go oder einen Europcar-Mietwagen umsteigen. Komplementäre Mobilität nennen das die Fachleute. Das Ziel des Projektes, hinter dem als Initiator die Hamburger Hochbahn AG als größtes Unternehmen im Verkehrsverbund steht, beschreibt Günter Elste, Vorstandschef des kommunalen Unternehmens weniger komplex: „Unsere Kunden erwartet ein Angebot, dass Bus und Bahn flexibel ergänzt – einfach und komfortabel. switchh wird dafür sorgen, dass noch mehr Menschen auf Busse und Bahnen umsteigen und damit die Straßen und die Umwelt entlasten.“

Dreh- und Angelpunkt des Systems ist moderne Kommunikationstechnik, die HVV-App als Mobilitätsplattform und die switchh Card als Schlüssel zu den komplementären Angeboten (siehe Kasten). Integriert ist zusätzlich die App von „Mytaxi“, die alle verfügbaren Autos in der Nähe zeigt und bei Bedarf herbeiholt. Und folgen soll noch der Zugriff auf das Mobilitätsangebot StadtRAD. Alle Infos unter: www.switchh.de

Das Pilotprojekt switchh hat im ersten Jahr bereits 1.800 Kunden gewonnen. Damit, so Jens Brückner, Projektleiter bei der Hochbahn, „sind wir erst einmal ganz zufrieden.“ Zumal sich in ersten Kundenbefragungen zeigt: Die Idee, mit dem integrierten Mobilitätsangebot Stadtbewohner zum Verzicht aufs eigene Auto zu bewegen, funktioniert. Es gibt switchh-Fahrgäste, die den persönlichen fahrbaren Untersatz abgeschafft haben, andere, die wegen des Angebots auf den Autokauf verzichten und deshalb ein Dauerticket beim HVV kaufen. Am Berliner Tor ist das switchh-Team schon präsent – in einem schmucken Pavillon, mit ein paar Parkplätzen gleich an der S-Bahn, mit dem kompletten Service für HVV-Kunden, für Car2go und Europcar, mit Taxi-Stand, Auto-Abstellflächen und Fahrradständern. Brückner: „Für das Umsteigen von Bus und Bahn aufs Auto und umgekehrt brauchen wir kurze Wege, damit das funktioniert. Glücklicherweise ist die Politik von unserem Konzept so überzeugt, dass sie die Möglichkeiten für weitere switchh-Punkte im Umfeld der Bahn-Stationen einräumt.“

Zu den zufriedenen Nutzern gehört Malte Hock, bei Europcar für innovative Mobilitätslösungen verantwortlich. Er verzichtet seit einem halben Jahr auf das eigene Auto: „switchh bringt mir mehr Freiheit, mehr Entspannung“, hat er erfahren. Und es ist für ihn deutlich preiswerter. Was er bedauert: „Spontane Entscheidungen, etwa am Sonntag bei schönem Wetter an die Nordsee fahren, die sind schwerer zu realisieren, auch der schnelle Einkauf einer Wasserkiste mal eben abends auf der Fahrt vom Büro nach Hause, der muss besser geplant werden.“

Für den Autovermieter ist die Beteiligung an switchh eine klare Zukunftsentscheidung: „Mobilität, Urbanität verändern sich, wir müssen Dinge neu denken“, sagt Hock. „Wir müssen immer mehr zu einem Mobilitätsanbieter werden, der ,on demand' auf Kundenwünsche reagiert. Die Kooperation mit dem öffentlichen Nahverkehr auf einer gemeinsamen Plattform ist der richtige Weg.“ Dabei denkt er auch an das sich verschärfende Umweltbewusstsein und die entsprechende Reglementierung durch die EU-Gesetzgebung: „Wir müssen uns darauf einrichten, dass es schon in wenigen Jahren immer schwieriger sein wird, mit dem Individualverkehr in die Städte zu kommen. Das ist eine Riesenchance für uns.“ Europcar sieht im Zusammenspiel von switchh auch die Chance, das klassische Mietwagengeschäft anzukurbeln: „Wir haben pro Woche 15 bis 30 neue Anmeldungen über switchh. Das ist für uns ein sehr interessantes Modell. Wir gewinnen neue Kunden, und die buchen häufiger als früher.“

Öffentlichen Nahverkehr und Individualverkehr zu einem sinnvollen Ganzen zu vernetzen, wird auch in anderen Ballungsräumen mit wachsender Intensität verfolgt. „Auch viele andere Städte, Verkehrsunternehmen und -verbünde denken über Mobilitätsplattformen nach oder entwickeln sie bereits. Doch mit der Integrationslösung von switchh sind wir noch einzigartig,“ beschreibt Brückner. Das kann sich bald ändern, denn das Hamburger Modell kann Schule machen: „Die Kollegen waren alle schon da und haben sich unser Projekt angeguckt. Sie waren beeindruckt.“