Bildnachweis: © Ralf Günther | InnoTrans

Ideen für die Infrastruktur

Hochgeschwindigkeitszüge auf interkontinentalen Strecken, kombinierte Schienen- und Stromtrassen aufgeständert über Autobahnen, kostengünstige Bahnwege auf der Basis von Kabelsystemen wie bei Hängebrücken: Die Bahntechnikmesse Innotrans stellte neben schicken Zügen auch Ideen zur Infrastruktur der Zukunft vor – eine Nachlese.

Bei seinem selbstbewussten ersten Auftritt auf der Berliner Messe präsentierte der 2015 entstandene neue Branchenriese aus Fernost, der Staatskonzern China Railway Rolling Stock Corporation (CRRC), gleich eine anspruchsvolle Vision: Nachdem das Reich der Mitte in wenigen Jahren ein 20.000 Kilometer langes Hochgeschwindigkeitsnetz in Betrieb genommen hat, peilen die Chinesen nun High Speed auch interkontinental an. „Der optimale Weg, durch Kontinente zu reisen“, ist die Botschaft. Das Konzept: mindestens 350 km/h schnelle Doppelstockzüge, die – nicht viel anders als Langstreckenflieger – auf der unteren Ebene Fracht und im Oberdeck Passagiere befördern.

„Life Style Travel“ wie in der First vom Flieger
Interkontinentale Hochgeschwindigkeitszüge würden einerseits effiziente, sichere und „grüne“ Transportmöglichkeiten schaffen und zugleich mit einer innovativen Gestaltung Passagieren Luxus und Komfort auf Langstreckenreisen bieten. „Life Style Travel“ nennen die Chinesen das. Der auf der Messe verteilte Prospekt zeigt, dass das Konzept sich die First-Class-Einrichtungen in Interkontinentalflugzeugen – beispielsweise mit hinter Sichtschutz abgeschirmten, zu Liegen umbaubaren Betten – zum Vorbild genommen hat. Den Markt für solche Angebote hält CRRC für „signifikant“ – speziell wegen der wachsenden Nachfrage nach klimaneutralen Transport- und Mobilitäts-Lösungen (www.crrcgc.cc).

Mit einer üppigen Hochglanz-Broschüre trat auf der Innotrans auch die in der weißrussischen Hauptstadt Minsk ansässige Firma SkyWay Technologies an. Sie will die über Jahrzehnte entwickelten Ideen des russischen Ingenieurs Anatoly Yunitskiy realisieren. Dreh- und Angelpunkt ist ein völlig neuartiges Fahrweg-Konzept, das auf kostengünstige Weise Infrastruktur gleichermaßen für Hochgeschwindigkeitszüge, Regional- und Güterverkehr sein soll. Statt herkömmlicher Schienen baut das System auf einem Bündel von stählernen Kabeln auf, wie sie für Hängebrücken verwendet werden. Dieses Bündel wird von Beton ummantelt, und an der Oberseite wird die eigentliche Stahl-Fahrbahn aufgebracht.

Gitterbrücken mit Hängebahn-Systemen
Anders als im klassischen Rad-/Schiene-System entsteht bei dieser Konstruktion eine breite Kontaktfläche zwischen dem Rad ohne Spurkranz und der Schiene; die Funktion der Spurführung des Rads mit dem Entgleisungsschutz muss bei diesem System durch ein zusätzliches seitliches Rad sicher gestellt werden. Dieser Fahrweg soll über Stützen, ähnlich filigran wie Oberleitungskonstruktionen im klassischen Bahnbetrieb, aufgeständert werden. Die Fahrbahn liegt auf einer Konstruktion, die einer Fachwerk-Gitterbrücke ähnelt. Diese bietet dann gleich zwei Trassen: den Fahrweg oben auf und unten drunter für denkbare Hängebahnsysteme für Nah- und Güterverkehr – oder auch für kleinste Transportgefäße für ein bis zwei Personen.

Von diesem Fahrwegsstem stellt sich SkyWay zwei Varianten vor: Im ersten Fall soll das Kabelbündel ähnlich wie bei einer Seilbahn so gespannt sein, dass es dem Gewicht des Fahrzeugs nachgibt. Der Zug rauscht also von der Schwerkraft angetrieben in die Tiefe und wird vor dem nächsten Halt durch die Steigung abgebremst. Das soll bis zu Tempo 150 funktionieren. Für Hochgeschwindigkeitsverkehr bis 500 km/h würde das Kabelbündel aber so straff gespannt werden, dass es nicht mehr nachgibt. Für beide Alternativen legt die Broschüre umfangreiche Berechnungen und Zeichnungen vor, mit denen sie Wirtschaftlichkeit, Umweltfreundlichkeit und Konkurrenzfähigkeit des Systems belegen will. In Minsk wird derzeit eine Versuchs- und Demonstrationsanlage gebaut. Ein erster Kunde könnte in Australien sitzen: Dort überlegt eine Universität in Adelaide, ob sie eine 500-Meter-Entfernung von einem Bahnhof zum Campus mit dem russischen System überbrückt.

„Vielzwecktrasse“ über der Autobahn
Große Ideen hat auch der Ingenieur Walter Back aus Stockstadt, auch wenn er im „Future Mobility Park“ auf der Innotrans weder Hochglanzbroschüren noch schnittige Computer-Animationen präsentieren konnte. Seine Vorstellung ist der Bau von aufgeständerten „Vielzwecktrassen“, die auf den Mittelstreifen der Autobahnen errichtet werden könnten. Über dem Straßenverkehr soll dann in einer geschlossenen Kabine die Magnetbahn SuperTrans für Passagiere oder Fracht verkehren. Das System der Schwebebahn mit Hochtemperatur-Supraleitern im Trag- und Führsystem wird derzeit am Leibniz-Institut für Festkörper- und Werkstoffforschung Dresden (IFW) erforscht. Außerdem soll eine solche Vielzwecktrasse dem Stromtransport dienen – nicht mit herkömmlichen Überlandleitungen, sondern neuartigen Supraleitersystemen, die nach Expertendarstellung eine vielfache Stromtransportkapazität hätten. Ingenieur Back denkt in großen Dimensionen und an den Klimaschutz: Vier Vielzwecktrassen durch ganz Europa sollten mit gigantischen Solarstrom-Anlagen in der nordafrikanischen Wüste verbunden werden – dann würde sich das alles auch rechnen.

Auch der „Hyperloop“, die Idee des fantasievollen Unternehmers Elon Musk, Mensch und Gut durch Vakuum-Röhren mit mehr als 1200 km/h zu befördern, war auf der Innotrans präsent. Wer mehr wissen wollte, scheiterte aber am Internet-Zugang.

Bildnachweis: © Ralf Günther | InnoTrans

Mehr zum Thema