Fehmarnbelt: Der große Tunnel im hohen Norden | Bild: femern.com

Fehmarnbelt: Der große Tunnel im hohen Norden

Das Großprojekt „Fehmarnbeltquerung“ mit dem Bau eines Auto- und Eisenbahntunnels quer durch die Ostsee zwischen der Insel Fehmarn und Dänemark kommt voran. Das dänische Parlament will im Februar das Baugesetz für den Tunnel verabschieden. Und in Deutschland werden die Weichen für die Umweltverträglichkeitsprüfung der auszubauenden Bahnverbindung zwischen Lübeck und dem Tunnel gestellt.

Fakten

In einem Staatsvertrag haben das Königreich Dänemark und die Bundesrepublik Deutschland bereits im Jahr 2008 den Bau der neuen „festen“ Vogelfluglinie vereinbart. Wesentliche Punkte aus deutscher Sicht:

  • Das eigentliche Verbindungsprojekt einschließlich der Rampen und Anlagen auf der Insel Fehmarn wird komplett von der dänischen Seite realisiert und über Darlehen des Staates vorfinanziert. Letztlich werden die Nutzer über Mautgebühren diese Vorleistung für den Bau und die laufende Unterhaltung der Tunnel bezahlen. Einer aktuellen dänischen Finanzanalyse zufolge wird es 32 bis 37 Jahre dauern, bis das Projekt vollständig finanziert ist. Federführend ist die staatliche Firma Femern A/S. Sie ist Teil des Staatskonzerns Sund & Bælt Holding A/S, unter dessen Regie in Dänemark die Querungen der Ostsee-Wasserstraßen des Großen Belt und des Öresunds gebaut worden sind.
  • Beide Staaten haben sich verpflichtet, die Hinterlandverbindungen beiderseits der Tunnel für das wachsende Verkehrsaufkommen auszubauen. Für Deutschland bedeutet das: Zum einen vierspuriger Ausbau der B 207, was einer Fortsetzung der heute bei Heiligenhafen endenden Autobahn A 1 bis Puttgarden gleich kommt. Zum anderen Ausbau der heute noch eingleisigen, nicht elektrifizierten, rund 90 Kilometer langen Bahnstrecke von Lübeck bis Puttgarden auf zwei Gleise und für den elektrischen Betrieb mit bis zu 160 km/h Streckengeschwindigkeit.

Reisen auf der Route der Zugvögel, dem kürzesten Weg zwischen Deutschland und Skandinavien: Seit den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts ist dies möglich auf der „Vogelfluglinie“. Das ist die Straßen- und Bahnverbindung aus Schleswig-Holstein über die Insel Fehmarn zum Fährhafen Puttgarden und dann per Auto- und Eisenbahnfähre über den Fehmarnbelt nach Rødbyhavn auf der dänischen Insel Lolland. Schon im nächsten Jahrzehnt soll die Vogelfluglinie eine durchgehende Auto- und Eisenbahnstrecke werden – mit der geplanten unterirdischen Fehmarnbeltquerung. Mit dem ICE von Hamburg nach Kopenhagen in unter drei Stunden, kurze Wege zwischen den Nachbarn beiderseits des Belts, eine neue, leistungsstarke Verbindung für den wachsenden internationalen Schienengüterverkehr über die Öresundbrücke bis hinauf nach Schweden – das gibt dem Tunnelprojekt vor Fehmarn eine wichtige europäische Dimension: Die Vogelfluglinie wird Bestandteil der Transeuropäischen Netze, Teil der Nord-Süd-Achse von Finnland bis nach Sizilien. Die eigentliche Beltquerung, ein mit 6,2 Milliarden Euro veranschlagtes Vorhaben, wird mit finanzieller Unterstützung der EU realisiert.

„Baugesetz“ in Dänemark vor der Verabschiedung
In Dänemark soll der Folketing, das Parlament, in den nächsten Wochen für den dänischen Projektteil das „Baugesetz“ verabschieden; eine breite Mehrheit der Abgeordneten steht hinter der Fehmarnbeltquerung. Mit diesem Gesetz wird im Königreich das Baurecht geschaffen. Um vier Hauptbauaufträge bewerben sich laut dem Bauherren Femern A/S neun internationale Konsortien. Die Unterwasser-Querung wird als „Absenktunnel“ an Land auf dänischer Seite in einer eigens dafür zu bauenden Fabrik in Rødbyhaven vorgefertigt: Über 200 Meter lange wasserdichte Stahlbetonelemente sollen dann nach und nach auf dem Meeresboden abgesenkt werden. Das anspruchsvolle Projekt soll 2022 eröffnet werden. Im Jahr 2025 werden Prognosen zufolge 9400 Pkw und 1600 Lkw täglich durch den Tunnel fahren. Die Bahnen rechnen mit 40 Personenzügen und 78 Güterzügen pro Tag.

Vorbereitung der Umweltverträglichkeitsstudie in Holstein
Auf deutscher Seite steht im Februar ebenfalls ein wichtiger Termin an. Beim Eisenbahn-Bundesamt (EBA), der zuständigen Planfeststellungsbehörde für den Ausbau der Bahnstrecke Lübeck – Puttgarden, findet im Februar 2015 der sogenannte Scoping-Termin statt. Behörden, Ministerien, Ämter und Gemeinden einerseits und die anerkannten Naturschutz- und Umweltschutzvereinigungen andererseits wollen in dieser Erörterung gemeinsam klären, welche Untersuchungen, Gutachten und Betrachtungen für die Umweltverträglichkeitsstudie entlang der als „Vorzugstrasse“ vorgesehenen Bahntrasse zu erstellen sind. Erst nach Abschluss der Studie mit dem Nachweis der Umweltverträglichkeit des Projektes kann voraussichtlich 2016 das Planfeststellungsverfahren eingeleitet werden, mit dem auf deutscher Seite des Baurecht geschaffen werden muss.

Mit dem Abschluss des Staatsvertrages zwischen Dänemark und Deutschland im Jahr 2008 begannen in Schleswig-Holstein umfangreiche Diskussionen über die Schienenanbindung der Fehmarnbeltquerung auf deutscher Seite. Angesichts der vielfach geäußerten Befürchtungen von Bürgern, Umweltschützern und Tourismusfachleuten, dass das zu erwartende erhöhte Verkehrsaufkommen im Zulauf und Ablauf des Fehmarnbelttunnels Mensch und Natur in Ostholstein belasten werde, entschied sich die Politik, für den 90 Kilometer langen Korridor von der Stadtgrenze Lübecks bis auf die Insel Fehmarn ein eigenes Raumordnungsverfahren einzuleiten. Außerdem schuf das Land ein unabhängiges Dialogforum, um schon in diesem frühen Stadium die betroffenen Bürger und Institutionen mit einzubinden und um über eine hohe Transparenz der Planungen einen breiten Konsens für das Projekt zu erzielen.

9000 Einwendungen und Vorschläge im Raumordnungsverfahren
Im Rahmen des Raumordnungsverfahrens des Landes Schleswig-Holsteins mit 9000 Einwendungen und Vorschlägen von Betroffenen stellte die Landesplanung im Mai 2014 die raumverträglichste Trasse für die Schienenanbindung zur Festen Fehmarnbeltquerung vor. Diese weicht vom Vorschlag der Deutschen Bahn ab, die vorhandene Bahnstrecke der Vogelfluglinie zweigleisig auszubauen und zu elektrifizieren. Bei der Vorzugstrasse des Landes handelt es sich um eine Trasse mit einem Neubauanteil von über 70 Prozent. Diese Trasse untersuchen die Ingenieure der DB Projektbau nun auf ihre Machbarkeit und technische Herausforderungen. Aus Gründen des Lärmschutzes werden Siedlungsschwerpunkte – etwa die Badeorte in der Lübecker Bucht – weiträumiger als von der derzeitigen Bäderbahn umfahren, im Interesse des Umweltschutzes sind ebenfalls Neutrassierungen geplant, etwa um das Neustädter Binnenwasser herum.

Ein Spezialproblem harrt noch der Lösung: Die elegante Brücke vom holsteinischen Festland hinüber nach Fehmarn über den Fehmarnsund, die die eingleisige Bahn und die zweispurige Bundesstraße 207 trägt, gilt nach umfangreichen Belastungstests als zu schwach, um das erwartete Verkehrsaufkommen nach der Tunneleröffnung zu verkraften. Die Frage, ob das unter Denkmalschutz stehende Bauwerk durch Verstärkungsmaßnahmen erhalten werden kann oder ob eine neue Querung gebaut werden muss, wird noch Gegenstand intensiver Planungen sein.

Künftige Fehmarnbelt-Region mit neuen Perspektiven
Von der neuen Schieneninfrastruktur erhofft sich die schleswig-holsteinische Landesregierung positive wirtschaftliche Effekte. In der Bauphase sei in Ostholstein mit Aufträgen für die regionale Baubranche zu rechnen, für die zahlreichen Bauvorhaben – darunter allein 50 Brücken für die Schienen-Anbindung – würden in großem Umfang für mehrere Jahre neue Arbeitsplätze entstehen, und die Leute vom Bau müssten untergebracht werden. Allein in Puttgarden rechnet Femern A/S mit 500 Beschäftigten während des Tunnelbaus. Für die Zeit danach sehen Wirtschaftsfachleute und Regionalpolitiker in Dänemark wie in Deutschland das Heranwachsen einer neuen Fehmarnbelt-Region von Malmö und Kopenhagen bis nach Lübeck und Hamburg mit vielseitigen Impulsen für Handel, Gewerbe und Tourismus. Die neue Bahn-Infrastruktur trägt dazu bei, nicht nur auf den großen internationalen Distanzen. Auch im Nahverkehr in Ostholstein wird das Zugangebot regelmäßiger und erheblich schneller: Lübeck – Fehmarn-Burg dauert künftig nur noch eine knappe Stunde statt heute eineinhalb.

Bild: femern.com

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