Europas größter Rangierbahnhof: In Maschen über den Berg

Europas größter Rangierbahnhof: In Maschen über den Berg

Hamburgs größter Bahnhof liegt gar nicht in der Hansestadt, sondern vor ihren Toren im nördlichen Niedersachsen: Es ist der Rangierbahnhof in Maschen, der mit Millionenaufwand von Grund auf modernisiert wurde. Er ist Europas größte Güterzug-Drehscheibe überwiegend für den Seehafen-Hinterlandverkehr der deutschen Nordseehäfen. Bis zu 4000 Waggons werden in der Anlage pro Tag zu Zügen zusammengestellt.

Fakten

  • Mit 112 Gleisen und 230 Weichen auf einem sieben Kilometer langen und 700 Meter breiten Areal ist der Rangierbahnhof Maschen vor den Toren Hamburgs die größte Zugbildungsanlage für den Schienengüterverkehr in Europa.
  • Rund 230 Millionen Euro hat die komplette Modernisierung des Rangierbahnhofs gekostet. Aufgebracht wurde das Geld im Wesentlichen vom Bund und von der Deutschen Bahn.
  • An Spitzentagen werden in der Anlage bis zu 4000 Güterwagen „behandelt“. Das heißt: Sie werden von ankommenden Güterzügen auf neue zu ihren Zielregionen umrangiert. Bis zu 150 Züge verlassen täglich den Rangierbahnhof.
  • Im Rahmen der Optimierung des Seehafen-Hinterlandverkehrs auf der Schiene investiert der Bund mehr und weiterhin. So sind aus einem Sonderprogramm bereits 300 Millionen in die Verbesserung der Schieneninfrastruktur geflossen, weitere 300 Millionen sollen bis 2020 ausgegeben werden. Für 350 Millionen Euro wurde ein drittes Gleis von Maschen bis Lüneburg zur Entlastung der stark befahrenen Strecke Hamburg – Hannover verlegt.

Zum Abschluss der über fünf Jahre dauernden Modernisierungsarbeiten „unter dem rollenden Rad“ des wachsenden Schienengüterverkehrs gab es in Maschen einen „großen Bahnhof“. Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz, der Parlamentarische Staatssekretär beim Bundesverkehrsminister, Enak Ferlemann, und Bahnchef Rüdiger Grube weihten die runderneuerte Anlage Anfang Juli ein. „Der Güterverkehr nimmt jedes Jahr zu. In den Häfen werden große Mengen Güter umgeschlagen, die weiter transportiert werden müssen. Wir wollen so viel wie möglich dieser Güterverkehre auf die sichere und umweltfreundliche Schiene bringen“, betonte Ferlemann. Der Containerverkehr werde voraussichtlich bis 2030 jedes Jahr um über vier Prozent wachsen, präzisierte Scholz: „Dies bedeutet, dass wir uns beim Ausbau und der Erneuerung der Schieneninfrastruktur keine Pause gönnen dürfen, sondern die Infrastruktur weiter modernisieren und ausbauen müssen.“ Die hohe Investition, die wesentlich aus Bundesmitteln getätigt wurde, sei, so Grube, für die norddeutschen Seehäfen und deren Schienenanbindung „gut angelegtes Geld. Schon heute werden hier werktäglich bis zu 150 ankommende und abfahrende Güterzüge behandelt – Tendenz steigend.“

Der Rangierbahnhof Maschen, im Eisenbahner-Deutsch „Zugbildungsanlage“ genannt, hat gewaltige Ausmaße. Auf einem sieben Kilometer langen und 700 Meter breiten Areal liegen 120 Kilometer Gleis und rund 230 Weichen. Der große Bahnhof gleich hinter Hamburg-Harburg neben der Bahnstrecke Richtung Lüneburg und Hannover erfüllt mehrere Funktionen. Für den Schienengüterverkehr in Richtung Norden werden in der Anlage mit den aus dem südlichen Europa eintreffenden Wagen und Wagengruppen direkte Züge nach Dänemark und Schweden sowie nach Schleswig-Holstein, Hamburg und natürlich in die Nordseehäfen gebildet. Gleichzeitig ist die Anlage die zentrale „Drehscheibe“ für den Seehafen-Hinterland-Verkehr: Die Containerströme sowohl vom und zum Hamburger Hafen als auch von und nach Bremerhaven werden in Maschen zusammengestellt. „Ganzzüge“ werden bis tief hinein in den Kontinent auf die Reise geschickt.

Staatssekretär Ferlemann hatte bei der Eröffnung darauf hingewiesen, dass der Bund über das Investment in Maschen hinaus mit einem Sonderprogramm bis 2013 über 300 Millionen Euro in die Beseitigung von Engpässen auf den Strecken im Hinterland gesteckt hätte. Und: „Mit einem zweiten Sofortprogramm werden wir die Anbindung der Seehäfen an das Schienennetz weiter verbessern.“ Laut Angaben des Bundesverkehrsministeriums geht es dabei noch einmal um weitere 300 Millionen Euro bis zum Jahr 2020.

Mit 112 Gleisen hat der 1977 eröffnete Rangierbahnhof eine hohe Kapazität für das Zugbildungsgeschäft, das im Prinzip seit der Frühzeit der Eisenbahn unverändert ist: Bei ankommenden Güterzügen werden die Kupplungen zwischen jenen Waggons gelöst, die zu unterschiedlichen Zielen weiterfahren sollen. Dann werden diese Züge „aufgelöst“: Eine Rangierlok drückt die Wagen über einen Ablaufberg – einen kleinen Hügel, hinter dem sich dann über Weichenverbindungen mehrere parallele Gleise öffnen. Jedes dieser Gleise nimmt dann – nach entsprechender Weichenstellung hinter dem Ablaufberg – die Waggons für einen bestimmten Zielbahnhof auf, also Gleis 1 Richtung A, Gleis 2 Richtung B und so weiter. In diesen Gleisen werden die neuen Güterzüge für die Weiterfahrt gebildet.

Um dieses Geschäft schnell und effizient zu betreiben, war der Rangierbahnhof Maschen schon in den 70-er Jahren des vorigen Jahrhunderts mit moderner Technik ausgestattet worden. So war der Betrieb über den Ablaufberg schon von Anfang an Rechner gesteuert, und die Gleise für die neue Zugbildung sind einerseits mit Gleisbremsen ausgestattet, die besonders schnell laufende Güterwagen präzise abbremsen können, damit sie nicht mit einem großen Aufprall auf schon vor ihn stehende Fahrzeuge auffahren. Andererseits sind in die Gleise spezielle Förderanlagen eingebaut; diese verhindern, dass langsam rollende oder gar unterwegs stehen gebliebene Waggons den Zugbildungsprozess stören.

In der fünfjährigen Modernisierung wurden sämtliche 112 Gleise mit der Gesamtlänge von 120 Kilometern ausgetauscht, 230 Weichen ausgetauscht, 98 Gleisbremsen und 88 Förderanlagen neu gebaut und die gesamte komplexe Ablaufsteuerung auf moderne IT-Lösungen umgestellt. Rund 60 Kilometer Kabeltrasse wurden neu verlegt. Zusätzliche Kapazität verspricht der moderne Gleisbau: Auf den Gleisen der „Einfahrgruppen“, also dort, wo die Güterzüge ankommen, sind jetzt 60 km/h Höchstgeschwindigkeit möglich, statt 40 km/h zuvor.

Im unmittelbaren Zusammenhang mit der Fertigstellung des Rangierbahnhofs Maschen steht eine weitere Infrastrukturmaßnahme für den Seehafen-Hinterlandverkehr: Die viel befahrene Bahnstrecke nach Lüneburg und Hannover wurde für ein kurzes Stück südlich des Rangierbahnhofs viergleisig und dann bis Lüneburg dreigleisig ausgebaut. Mit rund 350 Millionen Euro war diese Engpass-Beseitigung noch teurer als die Modernisierung von Maschen.