Abbruchobjekt Autobahnbrücke

Abbruchobjekt Autobahnbrücke

Die Hiobsbotschaften kommen auf Raten, und sie wiederholen sich: In den letzten zwei Jahren wurde schrittweise immer klarer, dass die Leverkusener Rheinbrücke der Autobahn A 1 kein Sanierungsfall, sondern ein Abbruchobjekt ist. Und nun hat der Ballungsraum Rhein-Main ebenfalls sein Menetekel. Die Schiersteiner Brücke über den Rhein ist beschädigt und vorerst komplett gesperrt. Damit nicht genug: Seit dem 27. Februar ist auch die Rheinbrücke der A 40 bei Duisburg wegen Reparaturarbeiten für den Schwerverkehr wochenlang dicht, zunächst nur ostwärts.

Zum Auftakt der tollen Tage des rheinischen Karnevals mussten die Behörden in Mainz und Wiesbaden zwei Tage vor Weiberfastnacht schnell und völlig humorlos reagieren. Ein in die Schräge abdriftender Brückenpfeiler, ein meterlanger Riss im Beton: Da blieb keine Wahl mehr, als die Schiersteiner Brücke im Zuge der Autobahn A 643 sofort und für alle Verkehrsteilnehmer vom Fußgänger bis zum Schwertransport aus Sicherheitsgründen zu sperren. „Mainz, wie es sinkt und kracht“, höhnte die Süddeutsche Zeitung in einer Schlagzeile. Optimistisch verkündeten die Träger der Straßenbaulast, dass die Sperrung zunächst bis Rosenmontag gelte. Doch auch am Aschermittwoch war alles noch nicht vorbei. Die Brücke bleibt bis Ende März gesperrt, ließ die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer verkünden. Das Bauwerk, so die Behörden, sei vermutlich Opfer eines „Bauunfalls“, also bei laufenden Bauarbeiten folgenschwer beschädigt worden. Nun müssen Hilfsstützen errichtet werden, bevor eine Wiederöffnung überhaupt erwogen werden kann. Seitdem ist das Chaos auf den Straßen des Ballungsgebietes programmiert.

Das Drama an der Landesgrenze zwischen Hessen und Rheinland-Pfalz läuft nach einem unfreiwilligen Drehbuch ab, das rheinabwärts zwischen Köln und Düsseldorf schon seit zwei Jahren das Verkehrsgeschehen bestimmt: Im Spätherbst 2012 waren die ersten Schäden an der Autobahnbrücke bei Leverkusen festgestellt worden; die Behörden sperrten die Brücke für alle Lkw über 3,5 Tonnen und verhängten Tempo 60 als Geschwindigkeitsbegrenzung. Im Januar und Februar 2013 war das fast 50 Jahre alte Bauwerk eine Baustelle. Zum ersten Mal: Knapp 400 Schäden an der Stahlkonstruktion wurden in Tag- und Nachtarbeit beseitigt. Danach kam das große Aufatmen. Das Nadelöhr schien beseitigt, die Autobahn wurde wieder für den Schwerverkehr bis 44 Tonnen freigegeben, das Verkehrschaos im nahen Köln ging wieder aufs gewohnte Maß zurück. Doch die Freude war nur von kurzer Dauer. Bei weiteren Inspektionen wurden weitere Verschleißschäden festgestellt, und am 16. Juni 2013 wurde die Rheinquerung erneut für Fahrzeuge über 3,5 Tonnen gesperrt. NRW-Verkehrsminister Michael Groschek holte seinen Berliner Kollegen, Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt, zur Ortsbesichtigung. Den Politikern blieb nicht viel mehr, als ein möglichst schnell zu erstellendes Ersatzbauwerk zu versprechen. Das wird aber vor 2023 nicht fertig sein. Unterdessen ging das Drama weiter. Auch nach neuerlichen Reparaturarbeiten bleibt die Brücke weiter für den Schwerverkehr gesperrt, nach Angaben des Groschek-Ministeriums jetzt mindestens bis Mitte 2015.

Die Wirtschaft beklagt massiv den Ausfall der wichtigen Infrastruktur. Einer Studie des Institute for Economic Research and Consulting, Meerbusch, zufolge hatte schon die erste, dreimonatige Brückensperrung volkswirtschaftliche Schäden von wenigstens 31 Millionen Euro verursacht, Kosten für die mit durchschnittlich 20 Kilometern ermittelten Umwege nicht mitgerechnet. Der Verband Spedition und Logistik beziffert die zusätzlichen Kosten für diese Umwegfahrten der Lkw mit 150 Euro je Fahrt. Der Rewe-Vorstand Frank Wiemer sprach in einem Interview mit der DVZ von einer jährlichen mittleren sechsstelligen Summe, die allein bei der Belieferung der Rewe- und Penny-Märkte durch Umwege entstehe. Wie sehr es die Logistik trifft, verdeutlicht eine Zahl der Polizei: Vor den Durchfahrtbeschränkungen hätten werktäglich rund 21.000 Lkw den Rhein auf der A 1 überquert.

Und es kann noch schlimmer kommen. Nicht auszuschließen sei, dass trotz aller Reparaturbemühungen die Leverkusener Brücke überhaupt nicht mehr für den Lkw-Verkehr freigegeben werden könne, sagte Groschek unlängst, berichtete der Internet-Dienst des WDR. Auch eine Vollsperrung sei nicht auszuschließen – mit chaotischen, kaum absehbaren Folgen für die ohnehin Stau geplagten Autobahnen im Rhein-Ruhr-Raum.

Der Minister muss sich jetzt noch mehr Sorgen machen: Die Rheinbrücke Neuenkamp bei Duisburg im Zuge der Autobahn A 40 zwischen der Grenze zu den Niederlanden bei Venlo und Dortmund ist seit dem 27. Februar in Fahrtrichtung Essen für den Verkehr über 3,5 Tonnen gesperrt – vorerst bis Mitte April. Der Grund auch hier: erhebliche Schäden an dem Bauwerk, einer fast 800 Meter langen Schrägseilbrücke, die 1970 dem Verkehr übergeben wurde. „Wegen der aktuell festgestellten Risse an den Trägern muss die Brücke ,abgelastet' werden“, heißt es in einer Pressemitteilung des Landesbetriebs Straßenbau NRW. Das bedeutet neben dem Gewichtslimit, dass nur eine Fahrspur offen bleibt. Ob auch die Gegenrichtung von so einer Einschränkung betroffen sein wird, entscheide sich Anfang März.

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