Quo vadis, Güterverkehr?

Quo vadis, Güterverkehr?

Der Güterverkehr ist Deutschland nimmt rasant zu. Im Interview erklärt der Logistikexperte Professor Dr. Uwe Clausen, wo die Entwicklung hingeht und welche Chancen Schiene und Wasserstraße angesichts überfüllter Straßen bieten.

Herr Professor Clausen, der Güterverkehr in Deutschland wächst weiter stark. Worin liegen Ihrer Meinung nach die Ursachen für diesen Anstieg?
Der Güterverkehr wächst in Deutschland vor allem aufgrund der Arbeitsteiligkeit und Vernetzung der Unternehmen mit Zulieferern im In- und Ausland. In wirtschaftlich schwierigen Jahren wie 2009 geht die Güterverkehrsnachfrage auch einmal deutlich zurück, langfristig wächst sie jedoch stärker als die Wirtschaftsleistung und auch als der Personenverkehr.

Nun sind die Straßen bereits jetzt überlastet. Glauben Sie, dass unser Straßennetz dem zunehmenden Güterverkehr gewachsen ist?
Es gibt eine Reihe von Engpässen in Ballungsgebieten, auf einigen hoch belasteten Autobahnringen sowie Korridoren insbesondere im Seehafenhinterlandverkehr. Insgesamt, vor allem in seiner Flächenerschließung, ist unser Straßennetz recht leistungsfähig, aber eine Reihe dringender Instandhaltungs-, Verknüpfungs- und Erweiterungsprojekte müssen zügig umgesetzt werden, wenn die Standortattraktivität Deutschlands und damit letztlich Erreichbarkeit und Arbeitsplätze nicht unter abnehmender Infrastrukturqualität leiden sollen.

Schiene und Wasserstraße gelten als umweltfreundliche Alternativen zur Straße. Aber bieten sie auch ähnliche Transportmöglichkeiten?
Schiene und Wasserstraße sind für einige Industrien unverzichtbar. Es ist kein Zufall, wenn Stahl- und Chemiestandorte oft an Wasserstraßen liegen. Beide Verkehrsträger bieten hohe Massenleistungsfähigkeit und damit ökonomische wie ökologische Vorteile, wenn ein entsprechendes Aufkommen gebündelt wird und das Ziel über die jeweilige Infrastruktur erreichbar ist. Dabei haben Schiene wie Wasserstraße auch noch viel Potenzial, was allerdings in Politik und öffentlicher Diskussion auch gerne einmal überschätzt wird. So ist die EU-Zielsetzung „30 Prozent der Straßentransporte über 300 km bis 2030 zu verlagern“ vor dem Hintergrund logistischer Anforderungen, realisierbarer Geschwindigkeiten und Netzkapazitäten ziemlich gewagt.

Wie groß schätzen Sie den Optimierungsbedarf bei der Schienen- und Wasserstraßeninfrastruktur ein?
Wichtige Instandsetzungsarbeiten (z.B. Nord-Ostsee-Kanal) stehen im Bereich der Wasserstraße an. Bei der Schiene ist es notwendig, neben langfristigen Projekten vor allem wichtige Knoten und Korridore baldmöglichst zu ertüchtigen. Unter den Maßnahmen des sogenannten vordringlichen Bedarfes ist längst eine Priorisierung und schnellere Umsetzung bei drängenden Engpässen überfällig. Mittelfristig machen die weitere Entmischung der Trassen für Personen- und Güterverkehr, der gezielte Ausbau und die weitere Elektrifizierung besonders viel Sinn. Neben dem Erhalt einer leistungsfähigen Infrastruktur gilt es aber auch, die Logistikfähigkeit entlang der Transportwege weiter zu verbessern. Damit sind u.a. Sendungsverfolgung, Bestimmung von Ankunftszeiten und Reaktionsfähigkeit bei Störungen gemeint und dazu dienen Initiativen wie AIS (Wasser), der „intelligente Güterwagen“ (Schiene) sowie einige innovative Lösungen zur Automatisierung und verkehrsträgerübergreifenden Vernetzung.

Wie sehr kann der Verbraucher den Güterverkehr mit seinem Konsumverhalten beeinflussen?
Verbraucher können darauf achten, möglichst langlebige Qualitätsprodukte zu kaufen d.h. ganz allgemein die Dinge, die sie auch wirklich brauchen und nicht bald wieder wegwerfen, und bei Zustelldiensten auf die Express-Option verzichten sowie im Lebensmittelbereich vorrangig Produkte der Saison aus der Region zu konsumieren. Einen größeren Einfluss haben sie allerdings, wenn sie Logistik studieren und später bei Dienstleistern, in Industrie und Handel an Optimierungsprojekten mitarbeiten, denn auf den privaten Konsum entfällt seit langem ein kleinerer Teil des Güterverkehrs.

Professor Dr. Uwe Clausen

Professor Dr. Uwe Clausen studierte Informatik an der TH Karlsruhe und promovierte an der Universität Dortmund. Er war unter anderem als Projektleiter Logistik für die Deutsche Post AG und als European Operations Director bei Amazon.com tätig. Aktuell ist er ist Institutsleiter am Institut für Transportlogistik an der Universität Dortmund und Institutsleiter am Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik IML.