Digitalisierung macht Hamburger Hafen smart

Digitalisierung macht Hamburger Hafen smart

Verkehrsinfrastrukturen durchlässiger, Produktionsprozesse leistungsfähiger machen – das sind Vorstellungen der Verkehrsbranche, die sich mit dem Schlagwort Digitalisierung verbinden. Der Hamburger Hafen packt die Dinge bereits an: Mit der „smartPORT“-Strategie für Energie und Infrastruktur macht sich die Hamburg Port Authority (HPA) fit für die Zukunft. 

Wandhoch, wandbreit präsentiert die Großbildanzeige in der Nautischen Zentrale am Seemannshöft Deutschlands größten Seehafen als überdimensionierte Landkarte mit 300 Schiffsliegeplätzen, über 40 Kilometer Kaimauern, vier Container-Terminals und 50 weiteren Umschlaganlagen, mit einem weit verzweigten Geflecht von Straßen und Gleisen auf der Landseite. In die Kartographie, die sich per Mausklick oder Finger-Touch in ein Luftbild verwandeln lässt, ist das aktuelle Verkehrsgeschehen integriert und wird fortlaufend aktualisiert: Schiffsgrundrisse im Strom oder an den Liegeplätzen symbolisieren das aktuelle Verkehrsaufkommen auf dem Wasser, Hubbrücken signalisieren, ob sie gerade geöffnet sind, Baustellen auf Straßen und in den Hafenbecken sind markiert. Auf dem Schienennetz zeigen orangefarbene Linien mit einem roten Punkt als Lok abfahrbereite Container-Züge. Auf der wichtigen Ost-West-Straßenverbindung über die Köhlbrandbrücke registrieren Induktionsschleifen den Verkehrsfluss und die Gewichtsbelastung der Fahrzeuge und melden staubedingte Fahrzeitverlängerungen.

Umfassende Informationen
Das und vieles mehr – zum Beispiel Pegeldaten oder die sich durch Ebbe und Flut verändernden Brücken-Durchfahrtshöhen – registriert und dokumentiert der „Port Monitor“ in der rund um die Uhr besetzten Nautische Zentrale am linken Elbe-Ufer, weit draußen noch vor den ersten Hafenbecken. Die Informationen sind nicht nur an der Bildschirmwand abrufbar, sondern auch auf den Monitoren der Mitarbeiter, die das Verkehrsgeschehen lenken und leiten. „Das aktuelle Lagebild, das war früher eine Wandkarte mit ganz vielen Magneten, die liegenden Schiffe und wasserseitige Baustellen symbolisierten. Heute sind diese Informationen digitalisiert. Ich bin begeistert, dass die Digitalisierung in der Nautischen Zentrale so weit fortgeschritten ist und bei den Beteiligten so gut ankommt“, sagt Daniel Probst, IT-Stratege bei der HPA, der die smartPORT-Infrastruktur mitentwickelt. Die digitale Lösung kann mehr: Das Lagebild steht nicht nur in der Zentrale am Seemannshöft zur Verfügung, sondern ist praktisch überall abrufbar, über Apps sogar bis hinunter auf die mobilen Endgeräte der Mitarbeiter. Nur mit einem Fingerdruck können sie Detailbereiche aufrufen, um gezielt mehr Informationen von der komplexen Drehscheibe Seehafen zu bekommen.

Herz des Hafenbetriebs
Der Port Monitor ist so etwas wie das digitale Herz des smart werdenden Hafenbetriebes. „2016 ist im Hamburger Hafen das Jahr der Digitalisierung“, erklärte Dr. Sebastian Saxe, Chief Digital Officer der HPA, kürzlich in einem Interview. Es gebe nach wie vor viele Traditionsunternehmen im Hafen, die den Schritt in die Digitalisierung eher zögerlich angingen. Denen wolle man in Pilotprojekten zeigen, welche Chancen ihnen die Informationstechnologie über heutige Anwendungen hinaus biete. Die HPA bewegt sich weitgehend auf Neuland. „Die Software, die wir hier brauchen, ist so speziell, dass wir vieles selbst entwickeln müssen“, berichtet Experte Probst. „Aber deshalb sind unsere Lösungen dann auch sehr nah an der Praxis und vor allem auch an den Bedürfnissen unserer Beschäftigten.“

So fügt sich der „intelligente Hafen“ (Saxe) aus vielen Mosaiksteinen zusammen, vieles ist noch in der Entwicklung und Erprobung – und durchaus ausbaufähig. Ein Beispiel: Rund um die Container-Terminals gibt es vier Großparkplätze für Lkw. Be- und Entladung der Containerschiffe mit bis zu 20.000 Einheiten erfordern eine komplexe Logistik, damit nicht alles im Stau stecken bleibt. Mithilfe von Sensoren werden die Bewegungen auf der Straße gemessen und koordiniert und den Kapitänen der Landstraße auf Tafeln an ihren Einfahrtsrouten in den Hafen freie Park-Kapazitäten mitgeteilt, ähnlich wie bei einem Parkhaus-Leitsystem in den Innenstädten. „Das ist natürlich erst ein Anfang“, sagt Probst, „was wir brauchen, ist die umfassende Vernetzung aller Partner in der Logistikkette.“ Gemeinsam mit SAP und T-Systems hat die HPA ein cloudbasiertes Informations- und Kommunikationssystem für „smartPORT logistics“ entwickelt, das die Kommunikation perfektionieren kann. Ein Baustein im System ist der „smartTAG“ – die rot-weiße Baustellenbake, die mehr leistet als eine Baustellensicherung: Sie erklärt auf Abruf, wo sie steht, ob sie richtig positioniert und noch Strom für ihre Beleuchtung hat. Künftig kann sie noch mehr: Sie zählt den Verkehr, der an ihr vorbeirauscht, und sie misst CO2-Emissionen.

Ausgeklügelte Technik
Der Hamburger Hafen ist ein Eisenbahnhafen, in dem täglich bis zu 220 Güterzüge ankommen oder abfahren. Zwölf Prozent aller Güterzüge im deutschen Netz beginnen oder enden an den ausgedehnten Gleisanlagen direkt hinter den Kais. Für die gesamte Schienenlogistik verfügt die HPA über eine IT-Querschnittsapplikation, genannt transPORT rail. Über Schnittstellen sind alle Beteiligten verbunden. Der rege Schienenverkehr braucht effiziente Abläufe. Vorausschauende Instandhaltung wird bei wachsendem Verkehrsaufkommen deshalb immer wichtiger. So hat die HPA damit begonnen, Weichen im Hafenbahnnetz intelligent zu machen. Eine ausgeklügelte Technik misst bei jedem Stellvorgang die Kraft oder den Stromverbrauch, den der Weichenantrieb zum Umschalten benötigt. Und wenn der Verbrauch über der Norm liegt, dann kommt das Wartungsteam, weil ein Ausfall droht. Es funktioniert, aber die Validierung ist noch nicht abgeschlossen.

Zukunftspläne auch für den Port Monitor in der Nautischen Zentrale: „Unser Ziel ist eine Darstellung des gesamten Hafengeländes in einem 3D-Modell einschließlich aller aktuellen Schiffsbewegungen“, erläutert Probst. „Virtual reality“, die die Abläufe noch transparenter macht und Veränderungen in der Infrastruktur, wie etwa bei einem Brückenneubau, in einer frühen Planungsphase für Politik und Bürger anschaulich werden lässt.

Bildnachweis: © Hamburg Port Authority

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