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Deutschland ist einer der wichtigsten Logistikstandorte in Europa und als Transitland die zentrale Drehscheibe im internationalen Warenstrom. Seine Infrastruktur galt im Ausland lange Zeit als vorbildlich. Doch der gute Ruf bröckelt. Stefan Schröder, Leiter der Bundesinitiative Logistics Alliance Germany, die den Logistikstandort im Ausland vermarktet, berichtet im Interview über den sich anbahnenden Stimmungswechsel.

Stefan Schröder, Bundesinitiative Logistics Alliance Germany

Stefan Schröder leitet die Bundesinitiative Logistics Alliance Germany.

Herr Schröder, Deutschland ist aufgrund seiner geografischen Lage eine zentrale Drehscheibe im internationalen Warenstrom und eines der wichtigsten Transitländer in Europa. Inwieweit ist gerade die letztgenannte Funktion für die hiesige Logistikbranche und den Standort von Bedeutung?
Zentralität ist einer der wichtigsten Standortfaktoren für Logistik. Unsere Drehscheibenfunktion wie auch die Transitfunktionen sind von elementarer Bedeutung für unseren Standort und unsere Logistikwirtschaft. So benötigen zum Beispiel gerade die logistischen Knoten wie Häfen, Flughäfen oder Güterverkehrszentren entsprechende Aufkommen, die einen wirtschaftlichen Betrieb ermöglichen. Deutschland ist das größte Transitland in Europa. Wir sind umgeben von neun Nachbarstaaten und das hat natürlich Auswirkungen auf unsere Verkehrs- und Logistikfunktion. Freier Handel und freier Warenaustausch sind Grundlage unseres Wohlstandes. Grundsätzlich bieten auch Transitverkehre vielfältige Chancen zur Generierung von Wertschöpfung in Deutschland. Ein Beispiel dafür ist die erfolgreiche Entwicklung der vom Transitverkehr geprägten deutschen See- und Flughäfen. Ein Großteil des deutschen Außenhandels wird über die deutschen Seehäfen in Bremen/Bremerhaven, Hamburg und Niedersachsen abgewickelt. Damit erfüllen Sie eine wichtige Gateway- und Transitfunktion innerhalb der zentraleuropäischen Verkehrsdrehscheibe Deutschland. Allerdings ist eine isolierte Betrachtung von Transitverkehren mit Blick auf die Infrastruktur nicht zielführend. Eine europäische Infrastrukturpolitik muss die Rolle der Transitländer stärker berücksichtigen, da das Infrastrukturnetz der Transitländer in hohem Maße nicht nationalstaatlichen, sondern europäischen Interessen dient. Wir stehen vor der Herausforderung, geeignete Instrumente und Maßnahmen zu entwickeln, um langlaufende Verkehre insgesamt zu optimieren, da Deutschlands Bedeutung als Transitland auch künftig einen hohen Stellenwert für globale Logistik haben wird. Auch die Herstellung geeigneter transeuropäischer Korridore, die intermodale Zugänge und Vernetzungen mit Bahn und Schiff ermöglichen, sind von großer Bedeutung.

Logistik setzt eine entsprechende Infrastruktur voraus. Und die ist in der jüngsten Vergangenheit häufig in die Kritik geraten, denkt man etwa an den Berliner Flughafen. Wie beurteilen Sie als Akteur der Logistikindustrie die Situation?
Eine leistungsfähige Infrastruktur ist gerade für Investoren aus dem Ausland eine zwingende Voraussetzung für ein Engagement in Deutschland. In der Regel geht es um langfristige Engagements, so dass in Standorte investiert wird, die auch langfristige Ver- und Entsorgungssicherheit gewährleisten. Früher war das Thema Infrastruktur in solchen Gesprächen ein Selbstläufer, heute wird begonnen, zu hinterfragen. Das Kriterium Infrastruktur gerät stärker in den Fokus und es wird für uns zunehmend schwieriger, mit dem Argument Infrastruktur zu überzeugen.

Und was sagen Ihre Gesprächspartner im Ausland? Wie ist es um den Ruf des Logistikstandortes Deutschland bestellt?
Noch genießt der Logistikstandort Deutschland in der Welt ein hohes Ansehen. Dies wird auch in internationalen Vergleich deutlich, in denen Deutschland regelmäßig einen der ersten Plätze belegt. Dies gilt insbesondere bei der Bewertung der Infrastruktur. Waren früher die USA der Maßstab in Sachen Logistik, so sind wir das inzwischen. Das eigentliche Alleinstellungsmerkmal ist auch nach wie vor eine leistungsfähige Infrastruktur sowie die Kompetenz der deutschen Logistikwirtschaft. Wenn aber nun dieser Primus nicht wie gewohnt liefert und insbesondere der Ausbau der Infrastrukturnetze und damit verbundener Vorhaben nicht oder nur unter großem Mehraufwand realisiert werden, dann leidet der Ruf des Logistikstandortes Deutschland und trägt auch dazu bei, dass andere Länder in den Fokus internationaler Logistiker rücken. Es besteht im Ausland zudem Unverständnis darüber, warum die Akzeptanz von Infrastrukturprojekten und Verkehr so gering ist, gelten sie doch als Stütze des wirtschaftlichen Erfolges und damit auch für den Wohlstand in Deutschland. Das belegen übrigens auch die Zahlen. Immerhin ist die Logistik der drittgrößte Wirtschaftssektor in Deutschland mit 223 Milliarden Euro Marktvolumen und 2,82 Millionen Beschäftigten.

Besteht vielleicht sogar die Gefahr, dass viele Transportwege der Zukunft nicht mehr durch Deutschland führen werden?
Der Logistikstandort Deutschland nimmt im europäischen Raum nach wie vor einen wichtigen Stellenwert und mit Blick auf seine Infrastruktur sogar eine Vorbildfunktion ein. Die aktuelle Nachfrage von potenziellen Investoren aus dem In- und Ausland nach Logistikdienstleistungen gibt noch keinen Anlass zur Sorge. Aber Sie haben Recht, zunehmend führen die Warenströme nicht mehr nur durch Deutschland. So rücken auch andere Standorte auf europäischer Ebene und sogar außerhalb Europas immer mehr in den Mittelpunkt. Eine Ergänzung ist auf europäischer Ebene die Türkei als Schnittstelle zwischen Asien und Europa. Des Weiteren sind aber auch südeuropäische Länder wie Spanien, Italien oder Griechenland sowie die baltischen Staaten, Polen und Russland zu nennen, die in den Bereichen Logistik und Infrastruktur investieren.