Automatisch auf der letzten Meile | Bildnachweis: © basf.com, Claudia Schäfer

Automatisch auf der letzten Meile

Der Lkw fährt beim Verlader und beim Empfänger direkt bis auf den Hof. Im Schienengüterverkehr sind die erste und die letzte Meile die Kostentreiber, die nicht selten die Bahn aus dem Wettbewerb boxen. Der Chemiekonzern BASF, selbst Eisenbahnverkehrsunternehmen, stellte auf der transport logistic seine innovative Problemlösung vor: das Automatic Guided Vehicle.

Das Chemiewerk am Rheinufer von Ludwigshafen ist buchstäblich ein großer Bahnhof. Jeden Tag kommen 20 Kesselwagen-Ganzzüge mit Produkten, Vorprodukten und Rohstoffen im Eingang an. Die Waggons gehen an 160 verschiedene Ladestellen im Werk – ein hochkomplexes Einzelwagensystem, das fast 24 Stunden braucht, bis jede Ladung angekommen ist, beschrieb BASF-Bahnchef und oberster Logistiker Thorsten Bieker auf der Münchner Messe. Mit seinen Innovationen für die letzte Meile will er ab 2018 die Zustellung in einer Stunde erreichen – und die Logistikkosten um ein Viertel senken. „So halten wir die Eisenbahn wettbewerbsfähig“, ist sich Bieker sicher.

Lösung für besonders wirtschaftliche Transporte
Innovation Nummer 1 ist die Containerisierung. Statt kompletter Kesselwagen will der Chemiekonzern Tank-Container auf speziellen Tragwagen in den Einsatz bringen. Gemeinsam mit dem Waggonvermieter Wascosa und dem Waggonbauer Tatravagonka entwickelten die Ludwigshafener den „B-TC“, den „BASF Class Tank Container“. Es handelt sich um einen dicken Brocken mit einem Fassungsvermögen von 73.500 Litern und 66 Tonnen Zuladung, der zwar groß, aber nicht zu groß für vorhandene Abfüll- und Entlade-Infrastrukturen ist und damit gegenüber herkömmlichen Container-Größen besonders wirtschaftliche Transporte möglich macht. Der Tragwagen selbst ist ein moderner 5L-Wagen entsprechend den Kriterien des „Technischen Innovationskreises Schienengüterverkehr“ (TIS).

Durch den Umstieg auf Tank-Container verspricht sich Bieker zweierlei: Zunächst einmal kann er seine Schienenflotte künftig kleiner konzipieren. Wenn der Behälter im Werk zur Be- oder Entladung angekommen ist, kann der Tragwagen bereits wieder mit einem anderen Container auf die Reise gehen. Und im Werk selbst wird weniger Platz gebraucht als für abgestellte Kesselwagen: Die Tank-Container können gestapelt werden.

Flexibler als jeder Brummi
Der eigentliche Clou ist aber die Organisation der letzten Meile, die im Ludwigshafener Werk ähnlich belebt ist wie ein ausgewachsenes Stadtzentrum: Täglich sind rund 30.000 Menschen unterwegs. Fahrradfahrer, Autos, Busse, Gabelstapler und über tausend Lkw sorgen für erhebliches Verkehrsaufkommen. Da sollen nun die Automatic Guided Vehicles (AGV) hinzukommen. Es handelt sich um autonom fahrende Spezialtransporter, deren Vorbild Bieker in den Container-Umschlagplätzen der Seehäfen gefunden hat. Nicht länger als ein Lkw, aber mit rund zwei Metern längerer Ladekapazität, weil es keine Fahrerkabine gibt, ist ein AGV dank acht lenkbarer Achsen flexibler als jeder Brummi. Und am Ziel muss er nicht auf Be- oder Entladung warten: Der Tank-Container wird dank spezieller Technik leicht angehoben, und schon kann das Transportfahrzeug unter ihm gewissermaßen hinweg tauchen und zum nächsten Einsatzort fahren.

Der AGV bewegt sich im Werksgelände über Transponder, die in die Fahrwege eingelassen sind, mit einer Präzision bei der Positionierung auf drei Zentimeter genau. Dank Sensorik kann er sich sicher durch den Werksverkehr bewegen, langsam zwar, aber kontinuierlich. Zudem ist jede Fahrt „teleoperiert“, wird also von einer Leitstelle videoüberwacht und notfalls gestoppt. BASF will bei den AGV-Fahrten auch das für den Lkw auf der Autobahn angedachte „Platooning“, also das elektronische Kuppeln mehrerer AGV-Fahrzeuge im Werksgelände realisieren. So können viele Lkw-Fahrten zwischen den Produktionsstätten überflüssig werden. Da die AGV die hohe Last des Tank-Containers auf acht Achsen und 32 Räder verteilen, ist die Belastung der Straße geringer als beim Lkw-Einsatz.

Bahnchef Bieker kann sich vorstellen, dass derartige AGV-Transporte nicht nur im Werk funktionieren, sondern auch im Umkreis von Container-Terminals, auch auf öffentlichen Verkehrsinfrastrukturen. So könnte die Produktivität des Kombinierten Verkehrs deutlich verbessert werden. Der Wunsch des Experten: Der Gesetzgeber möge solche innovativen Lösungen doch in seine Förderprogramme aufnehmen.

Bildnachweis: © basf.com, Claudia Schäfer

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