Aus der Steinzeit in die digitale Zukunft | Bildnachweis: © Messe München, Christian Hartlmaier / Klimaneutral mit Bussen und Bahnen | Bildnachweis: © Stadtwerke Bonn, Autor Stefanie Schwarz

Aus der Steinzeit in die digitale Zukunft

Die Lage des Schienengüterverkehrs ist aus der Sicht der Logistikbranche ernst, aber nicht hoffnungslos. Die Potenziale der digitalen Transformation könnten dem Verkehrsträger positive Impulse geben. Das ist zumindest ein Eindruck von der Fachmesse transport logistic Mitte Mai in München.

„Wir machen den Schienengüterverkehr nicht einfach. Er ist ein kompliziertes Produkt, und das ist schrecklich.“ Diese Einschätzung ist eine Selbsteinschätzung – und kommt aus berufenem Mund: Thomas Schaffer, Vorstand Vertrieb und Fahrplan bei der DB Netz AG, wählte die Flucht nach vorne. „Digitalisierung – Automatisierung – Elektromobilität: Wie kann die Schiene noch umweltfreundlicher und produktiver werden?“ Das war das Thema auf einem vom Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) initiierten Forum auf der Messe. Schaffer war nicht der einzige Eisenbahner, der Selbstkritik formulierte. Das tat auch Michael Stahlhut, Chef der SBB Cargo: Ein „archaisches System“ sei die Güterbahn – „das ist Steinzeit“.

Beide Bahn-Manager beließen es natürlich nicht beim Verriss der Sparte, sondern nutzten die Gelegenheit für einen positiven Blick in die Zukunft. Die DB Netz möchte den Zugang zum System Schiene „so einfach machen wie bei Google“, sagte Schaffer. Und Stahlhut verspricht sich mehr Wettbewerbsfähigkeit von innovativen Güterwagen. Die Digitalisierung ist dabei jeweils der Schlüssel zum erhofften Erfolg. Bei der DB Netz gibt es heute bereits im Internet abrufbar die „Strecken.Info“, die der Kundschaft aus der Wirtschaft den Netzzustand und alle durch Baustellen bedingten Einschränkungen per Mausklick erkennbar macht. Nächster Schritt soll der „Trassenfinder“ sein: Eine App, die per „click and ride“ eine Routenplanung für Gütertransporte und die Trassenbestellung in Echtzeit ermöglicht – wie bei der Online-Ticketorder im Personenverkehr.

In nur drei Schritten vom Schiff zum Empfänger
„Google Maps für die Schiene“ nannte Schaffer das hoffnungsvoll. Mit wenigen Mausklicks soll es für den Verlader beispielsweise möglich sein, einen Transport von 3.000 Tonnen Kohle von Duisburg nach Mannheim mit entsprechenden zeitlichen Vorgaben von Abfahrt- und Ankunftszeit sowie dem Preis verbindlich zu bestellen. Ab Ende 2018 will der Bahn-Konzern soweit sein. „150 bis 160 Programmierer“ würden daran derzeit mit Hochdruck arbeiten. Unrealistisch ist das offenbar nicht. So präsentierte die Bahn-Tochter Transfracht, Marktführer im Kombinierten Verkehr, auf der Messe mit „box2rail“ eine Online-Buchungsplattform für Containertransporte im Seehafen-Hinterlandverkehr, die schon eine schnelle App ist: In nur drei Schritten gelange der Container „port to door“ vom Schiff über die Schiene auf den Hof des Empfängers. Transportanfrage, Angebot und Buchung erfolgen auf der Basis von vier Angaben: Seehafen, Bestimmungsort, Versanddatum und Containerart. Und schon gibt es einen Preis und einen Fahrplan.

Die Digitalisierung soll der Bahn mehr Kapazität bringen: drei Prozent durch schnelleres Handling, fünf Prozent zusätzlich durch optimierte Trassennutzung. Schaffer: „Acht Prozent mehr Kapazität, ohne in Stahl und Beton zu investieren.“ Auch Stahlhut sieht das so: „Wir müssen viel mehr Kapazität auf die Infrastruktur bringen, ohne neue Strecken länger und häufiger fahren.“

Fahrzeugintelligenz für eine europaweite Laufverfolgung
Die Güterbahn der Schweizer Bundesbahnen setzt für den Modernisierungsschub beim Transportmittel des Schienengüterverkehrs an – dem Waggon. Im Freigelände der Münchner Messe präsentierte SBB Cargo den „5L“-Demonstrator, einen Zug aus künftig 16 Containertragwagen, der gemäß den Vorstellungen des Branchengremiums „Technischer Innovationskreis Schienengüterverkehr“ (TIS) leise, leicht, laufstark, logistikfähig und Life-Cycle-Cost-orientiert sein soll. Dahinter steht moderne Fahrzeugtechnik von wartungsfreundlichen und geräuscharmen Radsätzen bis zur automatischen Kupplung gepaart mit Fahrzeugintelligenz für eine europaweite Laufverfolgung und -überwachung des Waggons – neudeutsch „tracking and tracing“ genannt.

Nicht nur die Schweizer Bahn, sondern auch die VTG als Marktführer im europäischen Waggonvermietgeschäft und die von Forschungseinrichtungen sowie Industrieunternehmen finanzierte Initiative „Competitive Freight Waggon“ haben sich des Themas angenommen. „Der Güterzug der Zukunft kann nicht aussehen wie der jetzige. Wir brauchen den großen Schritt“, betonte Jens-Erik Galdiks, Leiter Flottentechnik bei SBB Cargo, in einer weiteren Veranstaltung auf der Messe. Das System des Schienengüterverkehrs sei seit den 30-er Jahren des letzten Jahrhunderts nicht mehr wesentlich verändert worden.

Weiter Wettbewerbsvorteile für den Lkw
Das System Bahn zu vereinfachen, um es wettbewerbsfähig zu machen, ist auch der Ansatz bei der VTG, die „Make rail easy“ zur Devise erhoben hat, beschrieb Sven Wellbrock, Geschäftsführer der VTG Rail Europe. Sein skeptischer Blick auf die Konkurrenz auf der Straße: Die Digitalisierung werde die Wettbewerbsvorteile des Lkw weiter ausbauen. Das „Platooning“ – die technische Möglichkeit, mehrere Lastzüge elektronisch gekoppelt wie einen Güterzug auf der Autobahn von nur einem Fahrer fahren zu lassen – bringe der Straße hinsichtlich der Verfügbarkeit von Fahrern, bei Lenkzeiten und Löhnen erhebliche wirtschaftliche Vorteile.

So nutzen die Logistiker dann weit überwiegend den Lkw. Spediteur Axel Plaß, Vorsitzender des Fachausschusses Schienengüterverkehr beim Deutschen Speditions- und Logistikverband (DSLV), sagte in einer Messe-Gesprächsrunde, dass er den Marktanteil der Schiene von 17 Prozent für „deprimierend“ halte. Und erklärte sogleich, warum das so ist: hohe Preise, überaltertes Rollmaterial, keine Langzüge, wenig Effizienz, schwierige Suche nach Ansprechpartnern bei der Bahn. Gefordert seien nicht nur die Schienenverkehrsunternehmen. Für Abhilfe müsse auch die Politik sorgen: mit Innovationsförderung, mit Geld für Gleisanschlüsse und den Kombinierten Verkehr und mit einer Halbierung der Trassenpreise.

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