Wachsender Kombi-Verkehr braucht mehr Umschlagterminals

Wachsender Kombi-Verkehr braucht mehr Umschlagterminals

Mehr Güter von der Straße auf die Bahn und aufs Schiff: Im Kombinierten Verkehr (KV) mit Containern und Trailern ist das eine Erfolgsstory mit satten Zuwachsraten. Doch wenn der Verkehr auf der Schiene kommt, stößt er dort schnell an die Kapazitätsgrenzen im Netz. Prof. Dr. Sebastian Jürgens, Hafenchef in Lübeck und versierter KV-Experte, beschreibt im Interview einen Markt mit hohen Potenzialen für den Klimaschutz.

Herr Prof. Jürgens, der Schienengüterverkehr hat erhebliche Probleme im Wettbewerb der Verkehrsträger, der KV aber boomt? 

Jürgens: Ja, in der Tat. Der Kombinierte Verkehr ist derzeit eines der wenigen Produktionssysteme des Schienengüterverkehrs, das sich am Markt erfolgreich behauptet.

Was sind die Gründe dafür?

Jürgens: Als eine der Hauptursachen sehe ich den Güterstruktureffekt. Bekanntlich werden die Sendungsgrößen immer kleiner, die Sendungen immer wertvoller. Elektronische Bauteile, Computer, aber auch hochwertige Chemie zum Beispiel statt eisenbahnaffiner Massengüter. Da ist der Trailer oder Container einfach das bessere Transportgefäß, das gezielt, schnell, zuverlässig den Empfänger erreicht. Der KV klinkt sich mit seiner Leistungsstärke in die Transportketten und Wirtschaftskreisläufe ein und überzeugt am Markt.

Wie das?

Jürgens: Im KV gibt es einen Wettbewerb der Anbieter. Das macht ihn schnell und kundennah.

Einer Studie zufolge wird sich der KV im Zeitraum von 2004 bis 2025 mindestens verdoppeln, wenn nicht fast verdreifachen. Ist der Markt dafür gerüstet?

Jürgens: Wenn das mal reicht. Das setzt aber voraus, dass ganze Transportsysteme von der Straße auf die Schiene verlagert werden. Bei uns im Lübecker Hafen haben wir 2014 ein Wachstum im Umschlag von 35 Prozent und im Jahr darauf von weiteren 20 Prozent erzielt. Große Sprünge im Verkehrsaufkommen sind wahrscheinlich. Sehen Sie sich nur die Stau-Situation auf den Autobahnen an. Und nicht zu vergessen ist das internationale Klimaschutzabkommen von Paris: Gütertransport auf Schiene und Schiff ist in hohem Maße umweltfreundlich. Zu Ihrer Frage: Wenn das Wachstum in gleichem Tempo weiter geht, gibt es zwangsläufig Engpässe in der Terminal-Infrastruktur und auf der Schiene.

Welche?

Jürgens: Was das Schienennetz betrifft, würde sich die Branche wünschen, dass nicht nur Hochgeschwindigkeitsstrecken für den Personenfernverkehr gebaut würden, sondern endlich auch die seit Jahrzehnten bekannten Flaschenhälse im Bestandsnetz verschwinden. Ich denke da beispielsweise an die Kapazitätsprobleme der Hinterlandverkehre von den deutschen Nordseehäfen, an die Verlängerung der niederländischen Güterzugstrecke Betuwe-Linie von Emmerich bis Oberhausen oder an den Gotthard-Zulauf Karlsruhe - Basel. Andere haben ihre Infrastrukturprojekte fertig gestellt, bevor wir mit dem Planfeststellungsverfahren beginnen.

Es gibt mittlerweile bundesweit über 120 Terminals für den KV-Umschlag. Sollte das nicht mal reichen?

Jürgens: Wie schon angedeutet: Nicht, wenn es signifikante Mengensteigerungen gibt. Vor allem auf den großen Achsen des Verkehrs wird es notwendig, das Terminal-Netz weiter auszubauen. Der schon beschriebene Güterstruktureffekt sorgt dafür, dass der Umschlag immer dort gebraucht wird, wo viele Verbraucher leben. Terminals auf der grünen Wiese fernab der großen Städte und Ballungsräume nützen da nichts. Sinnvoll wäre es natürlich, den Infrastrukturausbau länderübergreifend, am besten europäisch ausgerichtet, voranzutreiben. Die Schweiz ist dafür heute schon Vorbild. Das sollte auch die staatliche Förderpolitik im Auge haben.

Alle Welt redet von der Digitalisierung. Wird sie den KV verändern?

Jürgens: Sie wird die fällige Standardisierung in der Information voranbringen. Heute hat noch jede Terminal-Anlage ihre eigene IT. Wir brauchen dringend übergreifende Systeme, die alle am KV beteiligten Player unter einen Hut bringen und damit die Qualität steigern.

In der Verkehrsbranche wird die Digitalisierung häufig auch als Gefahr gesehen, dass branchenfremde Akteure über Plattform-Konzepte in das Geschäft einsteigen wie schon im Flug- und Tourismusmarkt. Wie steht es darum im KV?

Jürgens: Das ist durchaus vorstellbar. Wenn jemand die Hoheit über die Datennetze hat, bringt er sich in eine ausgezeichnete Steuerungsfunktion, auch ganz ohne tiefe Branchenkenntnisse. Ich würde mir wünschen, dass die heutigen Platzhirsche mutiger an das Problem herangehen, bevor andere ihnen das Heft aus der Hand nehmen.

Bildnachweis: © Uwe Miethe | Deutsche Bahn AG

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