Bildnachweis © Eberhard Krummheuer

Buchkritik: Thriller vom Bahnexperten

Eisenbahnbücher sind in aller Regel Fachliteratur oder opulente Bildbände für Bahn-Fans. Nun hat sich ein lang gedienter Eisenbahner getraut, einen Thriller zu schreiben: „Der Tunnel” heißt das Werk von Hans Leister, der als Manager und Berater seit Jahrzehnten in der Branche tätig ist. Er lässt seine düster-spannende, apokalyptische Geschichte zu großen Teilen im Röhrensystem des Gotthard-Basistunnels spielen.

In jungen Jahren hat der heute 66-jährige in Ferienjobs Koffer im Hauptbahnhof seiner Heimatstadt München geschleppt, ist als Praktikant in Bahn-Ausbesserungswerke gegangen und hat sich als Liegewagenbetreuer verdingt. Die Nähe zur Bahn war dann zugunsten einer Beamtenkarriere lange Jahre ein wenig verdrängt. Doch nach der Wiedervereinigungswende erwischte es Ministerialrat Leister als „Leihbeamten” im Finanzministerium des Landes Brandenburg dann endgültig: 1991 wurde er in ein Gremium berufen, das den Ausbau der Bahnverbindungen zwischen Brandenburg und Berlin vorantreiben sollte. Als nebenamtlicher Projektleiter Regionalverkehr Berlin/Brandenburg wurde er einer der Ideengeber für das „Zielnetz 2000“ für den Regionalverkehr Brandenburg. Das war Auftakt für eine Bahn-Laufbahn, die Leister nach und nach zu DB Regio, dann zu Connex (heute Veolia), später zu Keolis und schließlich zum Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg brachte. Heute berät er die Branche als „Zukunftswerkstatt Schienenverkehr”.

Erste Schreibversuche
Geschrieben hat Leister schon in der Schülerzeit. Ein Kurs in einer „Schreibwerkstatt” ließ den Wunsch wachsen, „mal was Richtiges zu schreiben”. Das Buchprojekt war lange Zeit nur eine Idee, dann ein Exposé: „Ich brauchte viel Geduld und wurde immer wieder vertröstet”, berichtet er. Bis dann der Verlagsauftrag kam und es ganz schnell gehen musste. Dass sich die Story um den Basistunnel in den Schweizer Alpen ranken sollte, war für den Autor lange schon klar: „Die Realisierung des Projekts hat mich wie viele andere Eisenbahner jahrelang fasziniert.” Für das Buch lernte er den Tunnel dann aus nächster Nähe kennen: „Ich habe auf mehreren Reisen intensiv recherchiert, nicht nur in den Röhren, sondern auch in den technischen Anlagen dahinter – das war gar nicht einfach, da immer wieder Zugang zu bekommen.” Als Bergsteiger erwanderte Leister auch das Gebirge über dem Gotthard-Basistunnel. Viele Einblicke und Erfahrungen lassen den Leser tief eintauchen in das hoch technische und ausgeklügelt gesicherte System des 2016 eröffneten Bauwerks, das mit 57 Kilometern der längste Tunnel der Welt ist. Da kommen auch Eisenbahn-Fans auf ihre Kosten – wenn auch der Autor stets von zwei Lektorinnen gebremst wurde: „Ich durfte nicht zu eisenbahnverschroben schreiben.”

Kein Happy End
Mit dem Schweizer Intercity-Triebzug „Friedrich Dürrenmatt” lässt Leister seinen Lokführer tief unter dem Berg stranden, mit rund 300 Passagieren an Bord, die zunächst vergeblich auf die Evakuierung warten. Dass der Zug den Namen des Schweizer Schriftstellers und Dramatikers trägt, ist kein Zufall, und es gibt ihn wirklich. Dürrenmatt hat vor Jahrzehnten eine Kurzgeschichte geschrieben, die ebenfalls „Der Tunnel” heißt und mit den Urängsten einer Fahrt durch den Untergrund spielt. Bei Leister geht es anders und anders aus. Die minutiöse, äußerst authentisch wirkende Beschreibung des Dramas in den Röhren findet ihre Erklärung und Fortsetzung in einer – im Interesse des Lesers hier nicht näher beschriebenen – verheerenden Naturkatastrophe von weltweitem Ausmaß. Für deren Darstellung versucht der Autor, seine Vorstellungskraft und ein paar wissenschaftliche Thesen schlüssig zu verbinden: Denn ein derartiges Ereignis wurde bislang von Menschen nicht erlebt. „Einen Thriller zu schreiben, ist gar nicht so schwer”, meint Leister gleichwohl, „aber man muss einen Schluss finden.” Nur so viel sei von seinem Einfall verraten: Das Ende, nicht unbedingt ein Happy End, stellt mal eben die Entwicklungsgeschichte der Menschheit auf den Kopf.

Hans Leister „Der Tunnel“, Benevento Verlag, 400 Seiten, 20 Euro, ISBN: 978-3-7109-0053-2

Bildnachweis © Eberhard Krummheuer

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